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Forsch
rüttelt die Frau im weißen Habit mit
schwarzem Schleier an den Gewichten des Fitnessgerätes.
»Kriegen Sie das hin, Schwester? Ich bekomme
das Ding nicht in Gang«, sagt die Dame in
der blauen Gymnastikhose und dem eng anliegenden
roten Oberteil, die sich auf dem Sitz des Muskeltrainers
niedergelassen hat. Schwester Annuntiata hat die
6o schon überschritten, aber im Fitnessraum
kennt sie sich aus. Sie drückt einen Hebel
hinunter. »Na bitte, jetzt geht‘s.«
Und schon können die Gewichte bewegt werden.
Eine Ordensschwester als Fitnesstrainerin - so etwas
gibt es wahrscheinlich nur im Kloster Arenberg.
Dass die Ordensfrauen damit Aufsehen erregen, versteht
sich von selbst. Schlagzeilen machte das Kloster
schon als »Erster Club Med der Christenheit«
oder »Wellness-Kloster«. Die Koblenzer
Dominikanerinnen hören das jedoch gar nicht
gerne. Mit Fitnesstempeln möchten sie ihr Haus
nicht vergleichen lassen. Denn um Schönheit
geht es ihnen nicht. Die Dominikanerinnen halten
es mit der heiligen Teresa von Avila: »Tu
deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat,
darin zu wohnen.«
Zeit
anders erleben.
Mit dem geschäftigen Treiben und der Schickimicki-Atmosphäre
eines Wellness-Hotels hat Kloster Arenberg nichts
gemein. Das spürt der Gast, sobald er durch
die schwere Flügeltür der Klosterpforte
tritt. Die Hektik des Alltags wird beim Einchecken
abgegeben. Im lichtdurchfluteten Foyer begrüßt
Schwester Annuntiata die Gäste meist freundlich,
aber bestimmt mit dem Ratschlag: »Kommen Sie
erst einmal zur Ruhe.« Bei der resoluten
Schwester klingt das fast wie ein Befehl. Viele
Gäste lassen sich dann erst einmal auf den
terrakottafarbenen Sofas nieder. Dort liegen Zeitungen
und Zeitschriften aus. Obwohl ständig Menschen
vorbeigehen, ist es weder laut noch hektisch. Eine
Glasfront öffnet den Blick auf einen mit Buchsbaumrabatten
bewachsenen Innenhof, in dem ein kleiner Springbrunnen
sachte vor sich hin sprudelt. In einer Ecke des
Raumes schwingt eine alte Standuhr ihr Pendel gemächlich
hin und her. Wenn ihre sanften Glockenschläge
ertönen, ist wieder eine halbe Stunde vergangen.
Doch vielen Gästen kommt es so vor, als wenn
die Uhren in diesem Haus ganz anders ticken. »Plötzlich
scheint der Tag viel länger zu sein«,
staunt ein Besucher, der sich vom Berufsstress erholen
will,
Neues
gewagt.
Vor zwei Jahren haben die Dominikanerinnen ihr altes
Backsteingemäuer komplett umgebaut. Bis zu
diesem Zeitpunkt hatte es als Kneipp-Sanatorium
gedient. Doch der Kurbetrieb rentierte sich nicht
mehr. »Wir mussten uns entscheiden, ob wir
den Untergang verwalten oder den Neubeginn gestalten«,
sagt Oberin Schwester Maris Stella. Die Ordensfrauen
setzten alles auf eine Karte und investierten ihr
über Jahrzehnte gespartes Vermögen von
rund 15 Millionen Euro in die Neugestaltung des
Hauses. Seitdem gibt es dort ein so genanntes Vitalzentrum,
das außer dem Fitnessraum noch ein helles,
modernes Schwimmbad mit Massagedüsen, eine
Sauna und ein Solarium beherbergt. Neben Kneipp-Anwendungen
können die Gäste sich nun mit Aromamassagen
oder Brandungsbädern verwöhnen lassen,
Täglich gibt es außerdem Fitnesskurse
wie Aqua-Gymnastik oder Nordic Walking. Nur sonntags
müssen die Gäste auf die Angebote verzichten.
»Wir möchten, dass der Sonntag auch für
unsere Angestellten kein Tag wie jeder andere ist«,
erklärt Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau.
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Luxus neu definieren.
Komfort ja, Luxus nein, lautete die Devise bei der Einrichtung
des Hauses. Und so hält es auch die Küche. Es
gibt Rohkost und Gemüsebratlinge und zum Frühstück
neben einer großen Auswahl an Brot und Brötchen
auch Frischkornbrei: einfache, aber gesunde und leckere
Mahlzeiten. Im Vitalzentrum gibt es Massagen, aber keine
Kosmetikabteilung.
Dennoch bieten die Schwestern ihren Gästen einen unbezahlbaren
Luxus: Sie schenken ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. Und das
ist alles inklusive. Niemand wird im Kloster gedrängt,
über persönliche Dinge zu sprechen. Doch wer dieses
Bedürfnis hat, findet an der Pinnwand beim Empfang
die Telefonnummern der beiden Seelsorger Schwester Scholastika
und Martin Hofmeir. «Die Möglichkeit, mit uns
einen Gesprächstermin zu vereinbaren, wird sehr häufig
genutzt«, berichtet Hofmeir. »Zu uns kommen
viele Menschen, die um einen Angehörigen trauern. Viele
leiden auch unter familiären Problemen oder darunter,
dass sie ihren Glauben verloren haben", sagt der promovierte
Theologe und Psychologe.
Gleich ob im Speisesaal, im Klosterladen oder am Empfang:
Stets haben die Schwestern Zeit für ein Gespräch.
Im Kloster Arenberg scheint nie jemand in Eile zu sein.
»Wenn der Körper zur Ruhe gekommen ist, dann
kann der Geist auftanken«, erklärt Schwester
Wilhelma die Philosophie des Hauses. Die Schwestern berufen
sich dabei auf den heiligen Dominikus. »Der ganze
Mensch ist zum Heil gerufen«, lehrte der Ordensgründer
bereits im 13. Jahrhundert und bezog damit neben Geist und
Seele auch den Körper ein.
Geist
und Körper auftanken.
Wer möchte, kann den Tag im Kloster früh beginnen.
Bereits um sieben Uhr versammelt sich eine kleine Gruppe
auf der Wiese vor der Pforte. Acht Frauen streifen Schuhe
und Strümpfe ab und los geht es nach bester Kneipp‘scher
Tradition zum Tautreten durchs Gras. Der feuchte Rasen
unter den Fußsohlen ist kalt und nass, die Füße
kribbeln. Anschließend reicht Masseur Oliver Reinhard,
der an diesem Tag das Frühprogramm leitet, Handtücher
zum Abtrocknen. Danach sind die Füße angenehm
warm. Dann steht Walken auf dem Programm. »Drei
Runden durch den Klosterpark und anschließend noch
etwas Gymnastik«, kündigt Reinhard an. Danach
ist alle Müdigkeit verflogen.
Jetzt ist Zeit, etwas für Geist und Seele zu tun.
Die Fahrt geht in Richtung Himmel, per Aufzug in den siebten
Stock. Dort liegt die Kapelle. Hier lädt Seelsorger
Martin Hofmeir zum »Impuls in den Tag« ein,
einer besonderen Form der Morgenandacht. Es geht um das
Thema Verzeihen. Hofmeir liest eine Geschichte aus einem
Buch und zitiert Bibelstellen. Abschließend versammeln
sich alle um den Altar und beten das Vaterunser.
Keine
Missionierung.
Wer damit nichts anfangen kann, dem steht es frei, in
dieser Zeit auszuschlafen oder schwimmen zu gehen. »Unser
Erfolg ist die Offenheit«, sagt Verwaltungsdirektor
Grunau. »Hier wird nicht moralisiert und niemand
wird missioniert.«
Die Gäste spüren das. »Man fühlt
sich hier sofort zuhause, sagt die 79-jährige Annemarie
Stein. Die alleinstehende Rentnerin ist bereits zum zweiten
Mal zu Gast im Kloster Arenberg. »Hier ist nichts
übertrieben fromm und man ist vollkommen frei.«
Beim
Frühstück begrüßt Schwester Annuntiata
die Gäste. Sie geht von Tisch zu Tisch, klopft dem
ein oder anderen auf die Schulter und setzt sich auch
mal dazu. »Wie geht es Ihnen, brauchen Sie etwas?«,
will die ausgebildete
Krankenschwester wissen. An ihrer Taille baumelt neben
dem Rosenkranz ein Piepser. Damit ist Schwester Annuntiata
über die Notruftasten, die es in allen Zimmern gibt,
jederzeit erreichbar. Falls ein Gast krank wird oder sich
verletzt, ist die tatkräftige Ordensfrau sofort mit
Verband, Pflaster oder Tabletten zur Stelle.
In dem hellen Speisesaal sitzt niemand allein. Denn im
Kloster Arenberg ist es völlig normal, sich zu Fremden
an den Tisch zu gesellen. Die Gäste schätzen
das, auch wenn es manche anfangs Überwindung kostet.
«Ich landete am ersten Tag an einem Tisch mit einem
über 70 und einem über go Jahre alten Paar«,
erzählt die 35-jährige Iris Landen. »Da
habe ich erst gedacht: Oh je, was soll ich denn mit denen
reden?« Aber die Bedenken waren schnell vom Tisch.
«Ich habe gemerkt, was die alten Leute uns Jungen
alles mitgeben können«, sagt Iris Landen. Aus
der zufälligen Tischgemeinschaft wurde eine Freundschaft,
die über den Klosteraufenthalt hinausreicht. »Wir
haben schon ein Treffen vereinbart.«
Erfolg
überrascht.
Wie von selbst hat sich das neue Konzept der Dominikanerinnen
auch zu einem Projekt der Verständigung zwischen
den Generationen entwickelt. »Eigentlich hatten
wir uns auf Besucher von 50 aufwärts eingestellt.
Und das war schon ein gewaltiger Schritt", sagt Bernhard
Grunau. Denn die Gäste des früheren Kneipp-Sanatoriums
waren in der Regel älter als 70 Jahre. Doch schnell
zeigte sich, dass sich
nun auch jüngere Menschen im Klosterwohl fühlen,
etwa ab 35, sagt Grunau. Schon zwei Jahre nach der Wiedereröffnung
ist das Haus zu 70 Prozent ausgelastet. «Das sind
Zahlen, von denen viele Hotels derzeit nur träumen
können«, freut sich Grunau.
Das hat sich herumgesprochen. Viele Klöster kämpfen
derzeit ums Überleben. Deshalb kommen immer wieder
Vertreter anderer Ordensgemeinschaften, auch aus Österreich
und der Schweiz, um von den Koblenzer Dominikanerinnen
zu lernen. Obwohl die Schwestern mit dem Gästehaus
keinen Gewinn machen wollen, ist ein Aufenthalt im Kloster
mit um die
8o Euro pro Tag nicht billig. Derzeit denken die Ordensfrauen
deshalb darüber nach, einfachere Zimmer günstiger
anzubieten, damit sich auch weniger finanzkräftige
Menschen einen Aufenthalt bei ihnen leisten können.
Gesund-Garten.
Doch auch diese Besucher werden in den Genuss von Meditationen
und Entspannungsübungen kommen, die nachmittags im
Kloster angeboten werden. Eine Tasse Tee aus Kräutern
aus eigenem Anbau gibt es ebenfalls immer umsonst. Im
Kräutergarten duftet es nach Thymian, Lavendel und
Minze. Jeden Tag geht Schwester lrmingard durch den Garten
und pflückt einen ganzen Korb voll Kräuter für
den Abendtee. »Der besteht aus etwas Melisse zur
Beruhigung, Pfefferminz regt ein bisschen an, etwas Salbei
und Thymian, manchmal auch Spitzwegerich, Johanniskraut
oder Malve«, erklärt die Schwester. Der Tee
schmeckt jeden Abend etwas anders, denn je nach Laune
ändert die Ordensfrau die Rezeptur von Tag zu Tag.
»Herrlich«, schwärmt ein Gast. »Danach
schläft man fantastisch. So etwas bekommen Sie in
keinem Luxushotel der Welt.«
Seelen-Kneippen
Dass in Klöstern auf die Gesundheit von Geist, Körper
und Seele geachtet wird, hat eine lange Tradition. Die
Klöster hatten die ersten Medizingärten Europas
und sie haben lange Erfahrung in der Pflege von Krankheiten
und Wehwehchen. Kurhäuser, von geistlichen Schwestern
oder Brüdern geführt, erfreuten sich lange großer
Beliebtheit. Dem Trend der Zeit zu Wellness folgend, der
das kürzere Vergnügen liebt, fächern auch
die Orden ihre Angebote immer stärker auf. So bieten
die Marienschwestern vom Karmel in Oberösterreich
in ihren Kneippkurhäusern »Sinnvolles für
die Sinne«. Das reicht von der klassischen Kneippkur
über spirituellen Stressabbau bis hin zum Heilfasten.
Auch die Zisterzienserschwestern im burgenländischen
Marienkron haben ihr Angebot stark erweitert. Neben dem
traditionellen Kneippen gibt es »Kur mit Kurs«.
Augen-Qigong, Exerzitien und Yoga, Familienstellen, Folkloretanz
und eine Schreibwerkstatt - bildungswillige Kurgäste
können sich in Marienkron rundum fit machen. Auf
Fasten, Ernährung und Lebensgestaltung ist das Kloster
Pernegg in
Niederösterreich spezialisiert. Der Auftrag an die
Klöster zur Gastfreundschaft hat sein Fundament in
der Bibel: »Vergesst die Gastfreundschaft nicht,
denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, einen Engel
beherbergt.«
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