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Zwischen Himmel und Wellness
Im Kloster Arenberg in Koblenz finden Körper und Seele Ruhe. Mit einem bislang einzigartigen Angebot erregen die Dominikanerinnen am Zusammenfluss von Rhein und Mosel Aufsehen im gesamten deutschsprachigen Raum.

Text: Claudia Rometsch-Sandt
Fotos: Kloster Arenberg
www.welt-der-frau.at


In dem alten Backsteingebäude war bis zu Beginn des Jahres 2002 ein Kneipp Sanatorium untergebracht.


Schwester Irmingard pflückt jeden Tag im Garten frische Kräuter für den Abendtee.

Die Dommenikanerinnen bauen Ihr eigenes Gemüse an.

In der Eingangshalle herrscht trotz ihrer Größe eine ruhige, heitere Atmosphäre.

In die helle, moderne Kapelle kommen viele Gäste zum Beten oder Meditieren.

Forsch rüttelt die Frau im weißen Habit mit schwarzem Schleier an den Gewichten des Fitnessgerätes. »Kriegen Sie das hin, Schwester? Ich bekomme das Ding nicht in Gang«, sagt die Dame in der blauen Gymnastikhose und dem eng anliegenden roten Oberteil, die sich auf dem Sitz des Muskeltrainers niedergelassen hat. Schwester Annuntiata hat die 6o schon überschritten, aber im Fitnessraum kennt sie sich aus. Sie drückt einen Hebel hinunter. »Na bitte, jetzt geht‘s.« Und schon können die Gewichte bewegt werden. Eine Ordensschwester als Fitnesstrainerin - so etwas gibt es wahrscheinlich nur im Kloster Arenberg. Dass die Ordensfrauen damit Aufsehen erregen, versteht sich von selbst. Schlagzeilen machte das Kloster schon als »Erster Club Med der Christenheit« oder »Wellness-Kloster«. Die Koblenzer Dominikanerinnen hören das jedoch gar nicht gerne. Mit Fitnesstempeln möchten sie ihr Haus nicht vergleichen lassen. Denn um Schönheit geht es ihnen nicht. Die Dominikanerinnen halten es mit der heiligen Teresa von Avila: »Tu deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.«

Zeit anders erleben.
Mit dem geschäftigen Treiben und der Schickimicki-Atmosphäre eines Wellness-Hotels hat Kloster Arenberg nichts gemein. Das spürt der Gast, sobald er durch die schwere Flügeltür der Klosterpforte tritt. Die Hektik des Alltags wird beim Einchecken abgegeben. Im lichtdurchfluteten Foyer begrüßt Schwester Annuntiata die Gäste meist freundlich, aber bestimmt mit dem Ratschlag: »Kommen Sie erst einmal zur Ruhe.« Bei der
resoluten Schwester klingt das fast wie ein Befehl. Viele Gäste lassen sich dann erst einmal auf den terrakottafarbenen Sofas nieder. Dort liegen Zeitungen und Zeitschriften aus. Obwohl ständig Menschen vorbeigehen, ist es weder laut noch hektisch. Eine Glasfront öffnet den Blick auf einen mit Buchsbaumrabatten bewachsenen Innenhof, in dem ein kleiner Springbrunnen sachte vor sich hin sprudelt. In einer Ecke des Raumes schwingt eine alte Standuhr ihr Pendel gemächlich hin und her. Wenn ihre sanften Glockenschläge ertönen, ist wieder eine halbe Stunde vergangen. Doch vielen Gästen kommt es so vor, als wenn die Uhren in diesem Haus ganz anders ticken. »Plötzlich scheint der Tag viel länger zu sein«, staunt ein Besucher, der sich vom Berufsstress erholen will,

Neues gewagt.
Vor zwei Jahren haben die Dominikanerinnen ihr altes Backsteingemäuer komplett umgebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es als Kneipp-Sanatorium gedient. Doch der Kurbetrieb rentierte sich nicht mehr. »Wir mussten uns entscheiden, ob wir den Untergang verwalten oder den Neubeginn gestalten«, sagt Oberin Schwester Maris Stella. Die Ordensfrauen setzten alles auf eine Karte und investierten ihr über Jahrzehnte gespartes Vermögen von rund 15 Millionen Euro in die Neugestaltung des Hauses. Seitdem gibt es dort ein so genanntes Vitalzentrum, das außer dem Fitnessraum noch ein helles, modernes Schwimmbad mit Massagedüsen, eine Sauna und ein Solarium beherbergt. Neben Kneipp-Anwendungen können die Gäste sich nun mit Aromamassagen oder Brandungsbädern verwöhnen lassen, Täglich gibt es außerdem Fitnesskurse wie Aqua-Gymnastik oder Nordic Walking. Nur sonntags müssen die Gäste auf die Angebote verzichten. »Wir möchten, dass der Sonntag auch für unsere Angestellten kein Tag wie jeder andere ist«, erklärt Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau.

 


Luxus neu definieren.

Komfort ja, Luxus nein, lautete die Devise bei der Einrichtung des Hauses. Und so hält es auch die Küche. Es gibt Rohkost und Gemüsebratlinge und zum Frühstück neben einer großen Auswahl an Brot und Brötchen auch Frischkornbrei: einfache, aber gesunde und leckere Mahlzeiten. Im Vitalzentrum gibt es Massagen, aber keine Kosmetikabteilung.
Dennoch bieten die Schwestern ihren Gästen einen unbezahlbaren Luxus: Sie schenken ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. Und das ist alles inklusive. Niemand wird im Kloster gedrängt, über persönliche Dinge zu sprechen. Doch wer dieses Bedürfnis hat, findet an der Pinnwand beim Empfang die Telefonnummern der beiden Seelsorger Schwester Scholastika und Martin Hofmeir. «Die Möglichkeit, mit uns einen Gesprächstermin zu vereinbaren, wird sehr häufig genutzt«, berichtet Hofmeir. »Zu uns kommen viele Menschen, die um einen Angehörigen trauern. Viele leiden auch unter familiären Problemen oder darunter, dass sie ihren Glauben verloren haben", sagt der promovierte Theologe und Psychologe.
Gleich ob im Speisesaal, im Klosterladen oder am Empfang:
Stets haben die Schwestern Zeit für ein Gespräch. Im Kloster Arenberg scheint nie jemand in Eile zu sein. »Wenn der Körper zur Ruhe gekommen ist, dann kann der Geist auftanken«, erklärt Schwester Wilhelma die Philosophie des Hauses. Die Schwestern berufen sich dabei auf den heiligen Dominikus. »Der ganze Mensch ist zum Heil gerufen«, lehrte der Ordensgründer bereits im 13. Jahrhundert und bezog damit neben Geist und Seele auch den Körper ein.

Geist und Körper auftanken.
Wer möchte, kann den Tag im Kloster früh beginnen. Bereits um sieben Uhr versammelt sich eine kleine Gruppe auf der Wiese vor der Pforte. Acht Frauen streifen Schuhe und Strümpfe ab und los geht es nach bester Kneipp‘scher Tradition zum Tautreten durchs Gras. Der feuchte Rasen unter den Fußsohlen ist kalt und nass, die Füße kribbeln. Anschließend reicht Masseur Oliver Reinhard, der an diesem Tag das Frühprogramm leitet, Handtücher zum Abtrocknen. Danach sind die Füße angenehm warm. Dann steht Walken auf dem Programm. »Drei Runden durch den Klosterpark und anschließend noch etwas Gymnastik«, kündigt Reinhard an. Danach ist alle Müdigkeit verflogen.
Jetzt ist Zeit, etwas für Geist und Seele zu tun. Die Fahrt geht in Richtung Himmel, per Aufzug in den siebten Stock. Dort liegt die Kapelle. Hier lädt Seelsorger Martin Hofmeir zum »Impuls in den Tag« ein, einer besonderen Form der Morgenandacht. Es geht um das Thema Verzeihen. Hofmeir liest eine Geschichte aus einem Buch und zitiert Bibelstellen. Abschließend versammeln sich alle um den Altar und beten das Vaterunser.

Keine Missionierung.
Wer damit nichts anfangen kann, dem steht es frei, in dieser Zeit auszuschlafen oder schwimmen zu gehen. »Unser Erfolg ist die Offenheit«, sagt Verwaltungsdirektor Grunau. »Hier wird nicht moralisiert und niemand wird
missioniert.« Die Gäste spüren das. »Man fühlt sich hier sofort zuhause, sagt die 79-jährige Annemarie Stein. Die alleinstehende Rentnerin ist bereits zum zweiten Mal zu Gast im Kloster Arenberg. »Hier ist nichts übertrieben fromm und man ist vollkommen frei.«

Beim Frühstück begrüßt Schwester Annuntiata die Gäste. Sie geht von Tisch zu Tisch, klopft dem ein oder anderen auf die Schulter und setzt sich auch mal dazu. »Wie geht es Ihnen, brauchen Sie etwas?«, will die ausgebildete
Krankenschwester wissen. An ihrer Taille baumelt neben dem Rosenkranz ein Piepser. Damit ist Schwester Annuntiata über die Notruftasten, die es in allen Zimmern gibt, jederzeit erreichbar. Falls ein Gast krank wird oder sich verletzt, ist die tatkräftige Ordensfrau sofort mit Verband, Pflaster oder Tabletten zur Stelle.
In dem hellen Speisesaal sitzt niemand allein. Denn im Kloster Arenberg ist es völlig normal, sich zu Fremden an den Tisch zu gesellen. Die Gäste schätzen das, auch wenn es manche anfangs Überwindung kostet. «Ich landete am ersten Tag an einem Tisch mit einem über 70 und einem über go Jahre alten Paar«, erzählt die 35-jährige Iris Landen. »Da habe ich erst gedacht: Oh je, was soll ich denn mit denen reden?« Aber die Bedenken waren schnell vom Tisch. «Ich habe gemerkt, was die alten Leute uns Jungen alles mitgeben können«, sagt Iris Landen. Aus der zufälligen Tischgemeinschaft wurde eine Freundschaft, die über den Klosteraufenthalt hinausreicht. »Wir haben schon ein Treffen vereinbart.«

Erfolg überrascht.
Wie von selbst hat sich das neue Konzept der Dominikanerinnen auch zu einem Projekt der Verständigung zwischen den Generationen entwickelt. »Eigentlich hatten wir uns auf Besucher von 50 aufwärts eingestellt. Und das war schon ein gewaltiger Schritt", sagt Bernhard Grunau. Denn die Gäste des früheren Kneipp-Sanatoriums waren in der Regel älter als 70 Jahre. Doch schnell zeigte sich, dass sich
nun auch jüngere Menschen im Klosterwohl fühlen, etwa ab 35, sagt Grunau. Schon zwei Jahre nach der Wiedereröffnung ist das Haus zu 70 Prozent ausgelastet. «Das sind Zahlen, von denen viele Hotels derzeit nur träumen können«, freut sich Grunau.
Das hat sich herumgesprochen. Viele Klöster kämpfen derzeit ums Überleben. Deshalb kommen immer wieder Vertreter anderer Ordensgemeinschaften, auch aus Österreich und der Schweiz, um von den Koblenzer Dominikanerinnen zu lernen. Obwohl die Schwestern mit dem Gästehaus keinen Gewinn machen wollen, ist ein Aufenthalt im Kloster mit um
die 8o Euro pro Tag nicht billig. Derzeit denken die Ordensfrauen deshalb darüber nach, einfachere Zimmer günstiger anzubieten, damit sich auch weniger finanzkräftige Menschen einen Aufenthalt bei ihnen leisten können.

Gesund-Garten.
Doch auch diese Besucher werden in den Genuss von Meditationen und Entspannungsübungen kommen, die nachmittags im Kloster angeboten werden. Eine Tasse Tee aus Kräutern aus eigenem Anbau gibt es ebenfalls immer umsonst. Im Kräutergarten duftet es nach Thymian, Lavendel und Minze. Jeden Tag geht Schwester lrmingard durch den Garten und pflückt einen ganzen Korb voll Kräuter für den Abendtee. »Der besteht aus etwas Melisse zur Beruhigung, Pfefferminz regt ein bisschen an, etwas Salbei und Thymian, manchmal auch Spitzwegerich, Johanniskraut oder Malve«, erklärt die Schwester. Der Tee schmeckt jeden Abend etwas anders, denn je nach Laune ändert die Ordensfrau die Rezeptur von Tag zu Tag. »Herrlich«, schwärmt ein Gast. »Danach schläft man fantastisch. So etwas bekommen Sie in keinem Luxushotel der Welt.«


Seelen-Kneippen
Dass in Klöstern auf die Gesundheit von Geist, Körper und Seele geachtet wird, hat eine lange Tradition. Die Klöster hatten die ersten Medizingärten Europas und sie haben lange Erfahrung in der Pflege von Krankheiten und Wehwehchen. Kurhäuser, von geistlichen Schwestern oder Brüdern geführt, erfreuten sich lange großer Beliebtheit. Dem Trend der Zeit zu Wellness folgend, der das kürzere Vergnügen liebt, fächern auch die Orden ihre Angebote immer stärker auf. So bieten die Marienschwestern vom Karmel in Oberösterreich in ihren Kneippkurhäusern »Sinnvolles für die Sinne«. Das reicht von der klassischen Kneippkur über spirituellen Stressabbau bis hin zum Heilfasten. Auch die Zisterzienserschwestern im burgenländischen Marienkron haben ihr Angebot stark erweitert. Neben dem traditionellen Kneippen gibt es »Kur mit Kurs«. Augen-Qigong, Exerzitien und Yoga, Familienstellen, Folkloretanz und eine Schreibwerkstatt - bildungswillige Kurgäste können sich in Marienkron rundum fit machen. Auf Fasten, Ernährung und Lebensgestaltung ist das Kloster Pernegg in
Niederösterreich spezialisiert. Der Auftrag an die Klöster zur Gastfreundschaft hat sein Fundament in der Bibel: »Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, einen Engel beherbergt.«


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