| Urlaub und Alltag sind gewöhnlich zwei recht verschiedene Welten. Man freut sich auf den Urlaub, weil dieser sich vom Alltag oft wohltuend abhebt, weil er die Möglichkeit bietet, manches von dem nachzuholen, was in der übrigen Zeit zu kurz kommt. Doch nach der Erholung folgt wieder der mehr oder weniger stressige Alltag, und oft verpufft die Urlaubsenergie schon nach kurzer Zeit. So mancher fragt sich: Wie kann ich das, was mir im Urlaub wichtig ist, auch in meinen Alltag integrieren? In Kloster Arenberg stellt man diese Frage den Gästen, um sie zu motivieren, bestimmte Impulse und Rituale mit in ihren Alltag zu nehmen. Wiederkehrende Gäste berichten, was guter Vorsatz blieb und was sich bereits verwirklichen ließ. Diese Erfahrungswerte und Überlegungen von Martin Hofmeir, dem Pastoralpsychologen von Kloster Arenberg, mögen Anregungen geben für die je eigene Gestaltung des Alltags.
In meiner praktischen Ausbildung zum Pastoralreferenten merkte ich auf, als in einem Seminar ein junger Priester erzählte, er müsse, um wirklich einen Tag für sich zu haben, seinen freien Montag außer Haus verbringen. Er tat mir damals leid. Heute würde ich ihn beglückwünschen, denn ich habe in der Zwischenzeit viele Seelsorger und Seelsorgerinnen kennen gelernt, die an ihrem freien Tag zu Hause geblieben sind — und weiter gearbeitet haben. Man gibt sich damit zufrieden, einmal etwas ruhiger als sonst das aufarbeiten zu können, was in den Tagen davor liegen geblieben ist. Aber eine wirkliche Auszeit, einen arbeitsfreien Sabbattag kann man sich nicht genehmigen. Und manche verzichten sogar jahrelang auf ihren Urlaub, weil so viel zu tun ist.
Auf der anderen Seite habe ich Menschen getroffen, die von sich sagen, dass sie keinen Urlaub brauchen, weil sie auch in ihrem Alltag zur Ruhe und Entspannung finden. Ja, manche versuchen sogar bewusst so zu leben, dass sie keinen (großen) Urlaub brauchen. Auch das hat mich nachdenklich gemacht.
In Kloster Arenberg, meiner derzeitigen Wirkungsstätte, treffe ich Menschen, die sich einen größeren Urlaub oder auch mehrere kleinere Auszeiten gönnen. Nicht nur bei jüngeren Menschen geht der Trend hin zu mehreren Kurzurlauben im Jahr. Man gönnt sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Auszeit und sucht dabei auch nach neuen Impulsen für den Alltag. Einiges von dem, was unsere Gäste für sich gefunden haben und was ich bei der Arbeit im Kloster für meinen eigenen Alltag entdeckt habe, möchte ich in den folgenden ÜberLegungen und Anregungen gerne weitergeben.
Ruhe und Muße
Als ich einmal am Ende eines Kurses die Teilnehmer anregte, den Satz „Meine Kraftquelle ist ...“ zu vollenden, nannten viele „.. . die Ruhe" Mir selbst kamen spontan die Worte „Muße“ und „Verweilen“ in den Sinn. Ja, die Muße und die Ruhe kommen in meinem Leben und auch im Alltag vieler anderer Menschen oft zu kurz. Dabei läge doch in der Ruhe und Stille eine so große Kraft! Immer wieder lese ich in den Gästefragebögen von Kloster Arenberg, wie sehr die Klostergäste vor allem die Ruhe und Stille schätzen. Bei der Überlegung, was dem Alltag mehr Ruhe und Muße geben könnte, hat so mancher Gast gemerkt, dass es nicht nur auf die größeren Auszeiten ankommt, sondern auch auf die kleinen Pausen und Mußezeiten zwischendurch und auf den grundsätzlichen Lebensstil, auf die Frage, wie man gut mit seiner Zeit umgeht. Das beginnt schon am Morgen. Für mich selbst macht es einen bedeutenden Unterschied, ob ich in Eile oder gar gehetzt vom Parkplatz zur Arbeitsstätte gehe oder ob ich die Muße habe, gemütlich zu schlendern. Manchmal bleibe ich sogar zwischendurch stehen, um bewusst die frische Morgenluft einzuatmen. Das kostet nicht viel Zeit, macht aber einen großen Unterschied. Das merke ich auch am Abend, wenn ich es schaffe, vor dem Schlafengehen noch ein-, zweimal um das Häuser-viertel zu gehen. Danach kann ich oft schneller und besser schlafen, als wenn ich mich direkt ins Bett fallen lasse.
Basispflege
Wie wichtig gerade der Schlaf, die frische Luft und die Bewegung sind, habe ich von meinem Meditationslehrer Franz Jalics SJ gelernt. Als erfahrener geistlicher Begleiter räumt Pater Jalics dem Schlaf und der Bewegung in der Natur höchste Priorität ein. Wer diese Grundprioritäten achtet, braucht nicht Angst zu haben, dass dabei die Arbeit zu kurz kommt. Man wird weiter viel und vermutlich sogar effektiver arbeiten. Bei der Überlegung, warum es so schwer fällt, sich an diese Prioritäten tatsächlich zu halten, erkennt so mancher Gast, dass es den Mut braucht, Dinge liegen zu lassen. Man möchte noch schnell dieses oder jenes erledigen, weil es ein gutes Gefühl gibt, die To-do-Liste möglichst weit abgearbeitet zu haben. Das führt aber in eine ungute Hetze. Man verzichtet auf die Pausen, auf den Schlaf, auf den notwendigen Ausgleich. Aber wenn ich diese Basisarbeit vernachlässige, wird mir auch die eigentliche Arbeit nicht recht gelingen. „Neben der edlen Kunst, etwas zu erledigen", schreibt ein Klostergast, „gibt es die nicht minder edle, Dinge ungetan zu lassen. Das Aussortieren des Unwesentlichen ist der Kern aller Lebensweisheit.“
Diese Basispflege findet für den einen Gast bei einem Spaziergang im Klosterpark statt, für einen anderen im Schwimmbad und für einen dritten bei einer Massage in unserem Vitalzentrum — Entspannungsformen, die sich auch in den Alltag integrieren lassen.
Eine Frau, die mit ihrem Mann zu Gast war, antwortete auf die Frage, was sie mit in ihren Alltag nehmen konnte: „Nach der positiven Wirkung einer Aromamassage sind mein Mann und ich dazu übergegangen, uns gegenseitig mit Aromaöl zu massieren.“ Und eine Frau, deren Klosterurlaub sich zum Großteil im Wald abgespielt hat, bekundete nach einem weiteren Aufenthalt: „Nachdem ich im Sommer an den Wanderexerzitien teilgenommen habe, gehe ich zu Hause auch regelmäßig durch den Wald spazieren und denke über einen meditativen Text nach.“
Der spirituelle Rahmen
Die meisten Gäste, die für ihren Urlaub ein Kloster auswählen, tun dies, weil sie sich auch spirituelle Nahrung erhoffen. In Kloster Arenberg nimmt ein beachtlicher Teil der Gäste am Stundengebet der Schwestern teil. Es tut ihnen offenbar gut, sich in den Gebetsrhythmus der Ordensgemeinschaft einzufügen. Andere beginnen ihre Urlaubstage mit dem sogenannten „Morgenimpuls“ und lassen ihn mit dem „Nachtimpuls“ ausklingen. Gerade diese unkonventionellen spirituellen Angebote erfreuen sich großer Beliebtheit. Immer wieder wird gewünscht, dass wir per Email oder auf unserer Homepage diese Impulse veröffentlichen, um sich davon auch im Alltag inspirieren zu lassen. Immer wieder berichten die Gäste, wie gut es tut, auch zu Hause einen täglichen spirituellen Rahmen zu haben. Manche sorgen für eigene Morgen- und/oder Nachtimpulse, etwa indem sie morgens oder abends — einem Bibelplan folgend — in der Heiligen Schrift lesen, bewusst eine Morgenandacht im Radio hören oder sich durch ein spirituelles Jahreslesebuch anregen lassen. Für andere ist es die Meditation im Stil des Herzensgebets, die sie hier im Kloster kennen gelernt haben und nun zu Hause weiterführen. Manch einer richtet sich dafür eine Gebetsecke oder sogar ein eigenes Zimmer ein, wo nur gebetet und meditiert wird. Damit man diesen Raum dann auch tatsächlich nutzt, scheint es von Vorteil zu sein, immer zu den gleichen Zeiten zu beten. So wird die Gebetszeit mit der Zeit zur festen Gewohnheit.
Heilsame Gewohnheiten
Ich selbst bin froh, dass ich im Kloster täglich meditieren muss. Zu Hause würde ich mir diese Zeit vielleicht nicht nehmen. Aber da ich im Kloster für die Meditation zuständig bin, bin ich täglich heilsam gezwungen zu meditieren. Es braucht manchmal einen gewissen Zwang, eine gute Disziplin, feste Gewohnheiten, damit das als wertvoll Erkannte auch tatsächlich realisiert und im Alltag durchgehalten werden kann. Nachhaltig beeindruckt hat mich das Ritual eines Gastes, der nach seinem Klosteraufenthalt den festen Vorsatz fasste, sich am Nachmittag täglich eine Teepause zu gönnen. Diese frühere Gewohnheit war ihm, da er als Kundenbetreuer viel und unregelmäßig unterwegs ist, mit der Zeit abhanden gekommen. Er hat im Kloster gemerkt, wie wichtig ihm diese tägliche Unterbrechung des Arbeitsalltags ist. Es braucht ve_rmutlich gar nicht viel Zeit, um aus einer Dienstfahrt auch eine kleine Urlaubsfahrt werden zu lassen.
Den Alltag zelebrieren
Auf einer eigenen Fahrt fiel mir an einer Tankstelle der Werbeslogan auf: „Zelebriere die Pause" Eine Pause zumachen, ist eine gute Sache, aber diese auch zu zelebrieren, ist noch mal etwas anderes. Es ist ein Unterschied, ob ich Pausen nur als notwendige Unterbrechungen des Alltags auffasse oder ob ich ihnen eine eigene Qualität zukommen lasse, sie bewusst gestalte und erlebe. Wie wäre es, wenn wir nicht nur den Urlaub und das Hochamt zelebrieren, sondern auch den Alltag— immer wieder mal— ganz bewusst leben? Das betrifft nicht nur die Pausen, sondern auch andere Alltagsverrichtungen. Viele Gäste nehmen aus dem Kloster den Impuls mit nach Hause, bewusster zu essen und auch sonst aufmerksamer zu leben. Manche nutzen die Möglichkeit, im Kloster und zu Hause hin und wieder in Ruhe zu essen, ohne gleichzeitig Zeitung zu lesen, zu telefonieren oder fernzusehen.
Urlaubsfreunde und Alltagskollegen
Neben der Möglichkeit, ganz für sich zu sein, bietet das Kloster verschiedene Möglichkeiten der Begegnung. So manche Freundschaften sind hier entstanden, die bis in den Alltag hineinwirken. Dabei denke ich an verschiedene Individualgäste, aber auch an eine ganze Kursgruppe, die per Email bis heute miteinander in Verbindung geblieben ist. Wenn jemand einen guten Spruch findet, schickt er diesen mit einer Rundmail dn die anderen — wie sie sich selbst bezeichnen — „Klosterfreunde“. Das Kloster ist ein guter Ort der Begegnung, aber mit einem gewissen Engagement kann man auch im Alltag Gesinnungsgenossen entdecken. Das zeigt das Beispiel einer Frau, die sich nach einem Klosteraufenthalt vorgenommen hatte, an ihrem Arbeitsplatz einen Gebetskreis zu gründen. Sie konnte nun freudig berichten, dass ihr kühner Wunsch sich tatsächlich realisieren ließ.
Rückzug ins Kloster
Die guten Begegnungen mit anderen Gästen, aber auch mit den Schwestern und Mitarbeitern gehören zu den Erfahrungen, welche in unserem Haus und bestimmt auch in anderen Klöstern ganz besonders geschätzt werden. Die als „unaufdringliche Herzlichkeit“ erfahrene Zuwendung scheint in besonderer Weise dazu beizutragen, dass sich die Gäste im Kloster wohl fühlen. Diese herzliche, geborgene und zur Ruhe hinführende Atmosphäre wird im Alltag oft vermisst. So empfiehlt eine Frau „den wiederholten Rückzug ins Kloster“, denn „die Klosteratmosphäre ist im Alltag nicht zu schaffen.“ Und ein männlicher Gast hält für sich und andere fest: „Wenn die Seele Speck ansetzt, geh ins Kloster...“ |