| Obwohl
hierzulande nur noch wenige Menschen in eine Ordens-Gemeinschaft
eintreten, treibt es immer mehr Zeitgenossen zumindest
zeitweilig in die Klöster. Man sieht es an
der Vielzahl der Klosterführer, die seit ein
paar Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen,
und auch aus eigener Erfahrung kann bestätigt
werden, dass die Nachfrage bezüglich Urlaub
im Kloster größer denn je ist.
Zumal wenn dort nicht nur das herkömmliche
Programm geboten wird, sondern mit Wellness-Angeboten
kombiniert wird. So schrieben etwa zwei Frauen ins
Gästebuch von Kloster Arenberg:
"Einen ,Wellness- Urlaub‘ hatten wir
gebucht, doch auch etwas für die Seele gesucht.
All das haben wir hier gefunden, so konnten Leib
und Seele wieder gesunden!“ Aber was suchen
diese modernen Klosterurlauber genau?
Und
was finden sie im Kloster vielleicht mehr als anderswo?
Fragt man die Klostergäste, was ihnen besonders
gut tut - diese Frage wird in Kloster Arenberg auf
den Gästefragebögen tatsächlich gestellt
- werden in großer Regelmäßigkeit
zwei Dinge hervorgehoben:
Die Herzlichkeit des Personals und die Ruhe des
Hauses.
Auch andere Qualitätsmerkmale werden immer
wieder genannt: die harmonische, lichte Architektur
des Hauses, die Inneneinrichtung mit ihren warmen,
fröhlichen Farben, der wunderbar angelegte,
weitläufige Klosterpark und Kräutergarten,
das schmackhafte und gesunde Essen, das ganzheitliche
Konzept, das breite spirituelle Angebot ... Aber
weder diese Vorzüge noch einzelne Angebote
des Tages- oder Wochenprogramms scheinen die entscheidenden
Punkte zu sein. Das Besondere wird von den Gästen
vielmehr in den menschlichen Qualitäten und
in der Atmosphäre, die im Hause herrscht, gesehen.
Die Menschen, die nach Kloster Arenberg kommen,
suchen offenbar zutiefst eine herzliche und auch
ruhige Atmosphäre. Sie spüren, wie gut
es ist, sich der Ruhe und Stille auszusetzen. Stille
und Geborgenheit scheinen mehr als alles andere
neue Kräfte zu verleihen, lassen zur eigenen
Mitte finden und heilen so manche
Wunde.
Vielfalt
und Freiheit
Wenn
das Entscheidende nicht die einzelnen Angebote zu
sein scheinen, warum leistet sich ein Kloster dann
ein so großes Vitalzentrum mit Schwimmbad,
Sauna, Fitnessraum, Kneippanwendungen, Fußpflege,
Massagen etc. und ein so breites spirituelles Programm,
das nicht nur klassisch katholische Angebote beinhaltet
(Eucharistie, Stundenge auch Meditation und unkonventionelle
spirituelle Angebote wie die sogenannten Morgen-
und Nachtimpulse)
Der Grund für das breite Angebot liegt zum
einen in der Vielfalt der Gäste. Da Kloster
Arenberg für Frauen und Männer gleich
welchen Alters und gleich welcher Konfession da
sein möchte, braucht es unterschiedliche Formen
der religiösen und körperlichen Betätigung.
Menschen, die kaum kirchlich sozialisiert sind,
tun sich oft schwer, einen Zugang zum Stundengebet
oder zur Eucharistie in der Mutterhauskirche zu
finden, kommen aber gerne zu einem kurzen spirituellen
Impuls in die Kapelle oder zur täglichen Meditation
in den Meditationsraum. Oder ein anderes Beispiel:
Auch wenn sich das morgendliche Walking im Klosterpark
einer gewissen Beliebtheit erfreut, ziehen andere
es vor, sich im Schwimmbad zu bewegen oder im Fitnessraum
aktiv zu werden.
Und wer Ruhe sucht, findet diese nicht nur in der
Kapelle, sondern vielleicht noch mehr im Ruheraum
der Sauna oder etwa bei der Mitarbeit im neu angelegten
Kräutergarten.
Die Ausweitung des Angebots entspricht dem Leitspruch,
der die inhaltliche wie auch die bauliche Umgestaltung
des Hauses begleitete:
Das gute Alte bewahren und mit dem notwendig Neuen
verbinden. Diese Kombination von Tradition und Progression
und die damit verbundenen Auswahlmöglichkeiten
werden von den Gästen sehr geschätzt.
Insbesondere im religiösen Bereich wird positiv
vermerkt, dass man sich zu nichts gedrängt
fühlt.
Gerade diese in Kirchengefilden und auch hinter
Klostermauern oftmals nicht vermutete Freiheit ermöglicht,
sich für spirituelle Impulse zu öffnen.
Viele Gäste schätzen die Verbindung von
Wohlwollen und Freiraum, die „aufmerksame
Zurückhaltung“ oder das „Geborgensein
in Freiheit“, wie es verschiedentlich zum
Ausdruck gebracht wird.
Wellness?
So
sehr man sich über das große Interesse
und die damit verbundene Chance, viele Menschen
zu erreichen, freuen mag, wirft es doch auch die
Frage auf, ob es richtig und stimmig ist, das eigene
Angebot in den Horizont von „Wellness“
zu stellen bzw. stellen zu lassen.
Läuft man mit dieser Anpassung an den Zeitgeist
nicht Gefahr, das eigene christliche Profil preiszugeben?
Suggeriert „Wellness“, diese Verbindung
von sich wohlfühlen (Wellbeinig) und gut in
Form sein (Fitness), nicht ein ganz anderes Lebensmodell,
eine selbstbezogene Lebensweise, die sich etwa ausdrückt
in dem Werbeslogan „Wellness fürs Ich“?
Ist die christliche Verheißung von Lebensfülle
nicht etwas ganz anderes als das „Wohlfühlglück“
der Wellness-Anbieter?
Gottes-
und Nächstenliebe
Die
christliche Freude ist in der Tat weit mehr als
Spaß und Wohlfühl-Freude.
Tiefes Glück ereignet sich in christlicher
Perspektive gerade nicht, wenn ich auf mich selbst
fixiert bleibe, sei es auf meine Gesundheit, auf
mein Wohlergehen oder auch auf meine Verletzungen
und Sünden.
Im Fokus der christlichen Glücks-verheißung
steht die Bereitschaft und Fähigkeit, Gott
und die Mitmenschen mit allen Kräften zu lieben.
Es geht um eine Liebe, die letztlich bereit ist,
sich
voll für andere zu investieren, sich ganz hinzugeben
und immer wieder loszulassen.
Diese Erfahrung zeigt sich auch heutzutage, wenn
etwa die Ordensfrau Ruth Pfau im Rückblick
auf ihr hingebungsvolles Leben sagen kann:
„Ich habe mein Leben gelebt, voll und ganz
und intensiv ... Danke für die mehr als 70
Jahre und dass du mir behutsam alles genommen hast,
was nicht das ,Eigentliche‘ ist.“
„...wie
dich selbst“ (Lk 10,26)
Menschen
wie Ruth Pfau oder Cherubine Wilimann, die Gründerin
der Arenberger Dominikanerinnen, haben in ihrem
Leben schier Unmenschliches vollbracht, weil sie
Maß genommen haben an Gott, weil sie radikal
von sich abgesehen und sich auf den maßlosen
Gott eingelassen haben.
Diese christliche Ganzhingabe ist zu bewundern,
kann jedoch auch zu Überforderungen führen.
Die Tendenz zur Maßlosigkeit kann Menschen
verleiten, sich beruflich oder privat zu verbrauchen,
ohne dafür die nötigen spirituellen, psychischen
und physischen Ressourcen zu haben.
So trifft man im Kloster Arenberg immer wieder auf
Gäste, die sich selbst überfordern oder
von anderen überfordert werden, auf Menschen,
die es nicht gelernt haben, gut für sich selbst
zu sorgen. Diese erschöpften Menschen bedürfen
weniger des Hinweises auf die Nächstenliebe,
sondern vielmehr einer Einladung, Maß zu halten
und sich auch selbst etwas Gutes zu tun.
Es gibt eine legitime christliche Selbstliebe, welche
die Nächstenliebe ergänzt, ja sogar voraussetzt.
„Du sollst Deinen Nächsten lieben“,
heißt es nämlich, „wie dich seIbst"
Dieser Zusatz, der eine gesunde Eigenliebe impliziert,
ist in der christlichen Verkündigung lange
Zeit vernachlässigt und zum Teil wohl ganz
ausgeblendet worden. Schon Bernhard von Clairveaux
musste den damaligen, offenbar total überarbeiteten
Papst Eugen III. ermahnen:
„Gönne dich dir selbst"
Dass die Nächstenliebe bei einer gesunden Selbstliebe
nicht auf der Strecke bleibt, ja diese sogar befördert,
zeigt das Beispiel einer Frau, die im Gästebuch
dafür dankt, dass ihre beiden Kinder und ihr
Mann „eine ausgeruhte und fitte Mama! Frau“
zurückbekommen.
Leib
und Seele
In
Verbindung mit der einseitigen Betonung der Nächstenliebe
ist auch die Tendenz zu sehen, die moralisch-seelische
Entwicklung zu forcieren, die Sorge um den Leib
hingegen gering zu achten. Das Christentum könnte
von der WellnessBewegung, der es um eine Harmonie
von Körper, Geist und Seele geht, durchaus
lernen, auch den Leib wieder wohlwollend in den
Blick zu nehmen.
Allerdings muss man auch kritisch feststellen, dass
die spirituelle Leiberfahrung im Weilness-Kult,
insofern es dabei vornehmlich um Behaglichkeit und
Zerstreuung geht, oft an der Oberfläche bleibt:
„Die
Tiefe wird verspachtelt“, stellen Jäger/Quarch
fest, „während die Oberfläche poliert
wird.“
Dass bewusste Leiberfahrungen von spiritueller Relevanz
sein können, zeigt sich in der Praxis von Kloster
Arenberg immer wieder, etwa in dem Beispiel eines
Priesters, der eine tiefe spirituelle Erfahrung,
die ihm in der Kapelle zuteil wurde, auch auf die
vorausgegangene Massage im Vitalzentrum zurückführte.
Diese tiefe Erfahrung leib-seelischer Einheit ist
bisweilen mit großen Erschütterungen
und Umkehrbewegungen verbunden. So mancher Gast
kehrt nicht nur erholt, sondern auch tief berührt
und innerlich verändert in seinen Alltag zurück,
wie das abschließende Beispiel eines Mannes
veranschaulicht, der seinen Eintrag ins Gästebuch
„Revision de vie“ betitelte:
Revision
de vie
Ich habe so viele glückliche Gesichter gesehen.
Dieser Ort der Sinnlichkeit. Erfüllt von deinem
Geist.
Wie eine wahre Quelle, Impulse frisch und klar.
Heilig diese Lebensfreude.
Gemeinschaft, Mensch sein, ich spüre lebendiges
Evangelium.
Leib und Seele, zusammengekommen.
Verbunden, berührt. Gott, du sichere, verlässliche
Größe.
Revision de vie.
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