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Selten hat ein Film mit so wenig Handlung so viele Menschen fasziniert - und das sogar in Überlänge. 160 Minuten begleitet "Die große Stille" den Alltag der Mönche im französischen Karthäuserkloster `La Grande Chartreuse'. Nahaufnahmen der Gesichter, der Finger, die in Weihwasser eintauchen, der Maserung des Holzbodens, erzählen von einem Leben in Schweigen und Abgeschiedenheit und einem Tagesrhythmus, der durch Jahrhunderte alte Rituale und eine strenge klösterliche Ordnung bestimmt wird. Weder künstliches Licht noch musikalische Untermalung oder ein Kommentar stören den Fluss der Bilder. So überträgt sich langsam "Die große Stille" auch auf den Zuschauer.
Stille ist ein rar gewordenes Gut. Und in einer Gesellschaft, in der sich Beziehungen auflösen wie Brausetabletten im Wasserglas und Flexibiliät als neue Tugend erscheint, wächst die Sehnsucht nach Beständigkeit. Wie heilsam da die Teilnahme an einer klösterlichen Ordnung sein kann, haben die Benediktinermönche von Niederalteich schon vor fast 50 Jahren erkannt. 1962 öffnete das niederbayerische Kloster zwischen Deggendorf und Passau als erstes seine Pforten für weltliche Besucher auf Zeit. Schon bald sprach sich gerade unter Managern herum, dass dies ein geeigneter Ort ist, um innezuhalten und sich einer kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst zu stellen. "Die Menschen kommen aus der Vielfalt ihrer Tätigkeiten, ihrer Welt, für einige Zeit ins Kloster, um mit den Schwestern und Brüdern nach Einheit, nach dem innersten Kern des menschlichen Wesens zu suchen", schreibt Benediktiner-Abt Odilo Lechner in seinem Vorwort für einen Bildband über das Schweizer Nonnenkloster Maria-Rickenbach.
So unterschiedlich die persönlichen Gründe sein können, eine Auszeit im Kloster zu verbringen, so breitgefächert ist inzwischen die Auswahl. Über 300 Klöster im deutschsprachigen Raum bieten Gästen eine Einkehr an. Da gibt es schlichte, nur mit dem nötigsten ausgestattete Zimmer im Stil einer kargen Mönchszelle, aber auch Unterkünfte, die denen eines gehobenen Hotels in nichts nachstehen. Auch die Angebote zu Kontemplation und Selbstfindung bieten eine reiche Auswahl, vom Bogenschießen, über Töpfern und Gärtnern, sämtlichen Meditationstechniken bis hin zu Wellnessangeboten im eigenen Spa-Bereich.
Bei dem Wort "Wellness" zieht Schwester Elisabeth Magdalena, Oberin im Kloster Bernried am Starnberger See, allerdings die Augenbrauen hoch, "dafür sind wir nicht der geeignete Ort", sagt die 46jährige entschieden. Ob und welche Konfession die Gäste haben, spielt bei den Benediktinerinnen - wie auch in den übrigen Klöstern - keine Rolle, auf die Motivation der Gäste legt man hier jedoch sehr wohl Wert. Wer Besinnung suche, sich in einer Krise befinde, sein Leben neu ordnen möchte oder Zeit zum Nachdenken brauche, sei bei ihnen richtig, betont die Oberin. Unterstützend bietet Bernried Seminare zu den unterschiedlichsten Glaubens- und Lebensfragen an, wie zum Beispiel" Einlassen und Ausgrenzen", "Umgang mit Schuld und Schuldgefühlen" oder "Mein Tempo finden und leben" außerdem die Möglichkeit, mit der Methode der "Themenzentrierten Interaktion" Gruppenarbeit zu erlernen.
Die Kurse sind gut besucht. Ein wenig trägt hierzu wohl auch die privilegierte Lage am Westufer des Sees mit eigenem Badesteg, weitläufigem Klostergarten und Bergpanorama bei. Wenn doch ab und zu Plätze frei bleiben, können auch Gäste, die kein Seminar gebucht haben, eine Auszeit im Kloster nehmen.
So, wie Miriam Lenz, die sich seit bald zwölf Jahren jedes Jahr um ein Zimmer bemüht. Die enge Verbundenheit sei vor allem durch ihre Beziehung zu Schwester Fidelis entstanden, erzählt die 45jährige PR-Beraterin. Die mittlerweile 90jährige Nonne, die vor langer Zeit den Kräutergarten im Klosterhof angelegt hat, kenne sich nicht nur mit Heilpflanzen besonders gut aus, sondern könne in wenigen Worten mit großer Weitsicht die Dinge benennen, sagt Miriam Lenz. Deshalb suchte sie auch, als sie vor einigen Jahren in eine persönliche Krise geraten war, Zuflucht bei den Benediktinerinnen, um ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.
"Wer reden möchte, findet immer eine Schwester, die zuhört, doch natürlich bedrängen wir niemand ", erklärt Oberin Elisabeth Magdalena. Miriam Lenz wollte erst einmal nicht reden und bekam sogar einen separaten Platz zum Essen. Als ihr schließlich doch nach einer Aussprache zumute war, bat sie Schwester Fidelis um Rat, wie sie sich "ein dickeres Fell" zulegen könne. Doch die schüttelte den Kopf : Das solle sie gar nicht erst versuchen, sondern froh sein über ihre Empathie, die es ihr möglich mache, Menschen wirklich nahe zu sein. |