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Wellness im Kloster

Entspannungsmassagen mit Aromaöl, Brandungsbad, Heusäcke, - gehören solche Angebote wirklich ins Kloster? Die Meinungen unter den Ordensleuten sind so vielfältig wie die Klöster selbst.

Eine Reportage von Petra Altmann
Fotos von Sebastian Widmann und Karlheinz Jardner


Schnellen Schritts ist Schwester Scholastika in den Klostergängen unterwegs. Vom Hallenbad kommend rasch ein Blick zum Tretbecken, dann geht es zum Empfang, wo sie neue Gäste erwartet. Die 39-jährige Ordensfrau ist ständig im Einsatz, seit das Mutterhaus der Dominikanerinnen in Koblenz-Arenberg im vergangenen Sommer sein neues Vitalzentrum eröffnet hat. Im Angebot: Sauna, Swimmingpool, Massagen, CrystalBäder. Ein Wellness-Hotel im Kloster. Aber das Besondere in diesem Ambiente: Zusätzlich gibt es Angebote wie Meditation, Kräuterkurse oder klassische Exerzitien.
Wer den wunderschön oberhalb der Stadt in einem Park gelegenen Gebäudekomplex erreicht, ist fasziniert von dem Ausblick über den Rhein. Dieser Platz lässt einen erst einmal die Hektik des Alltags vergessen. Mittendrin der trutzige Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, erweitert durch den Neubau des Vitalzentrums, der dem Ganzen eine etwas leichtere Note verleiht. Innen ein hoher, lichtdurchfluteter Empfangsbereich. Hier herrscht geschäftige Betriebsamkeit. Neu angekommene Gäste werden von Schwester Angelina in den Computer aufgenommen. Von einem modernen Hotelbetrieb unterscheidet sich hier erst einmal nichts.
Schwester Scholastika ist mit einer Gruppe im Haus unterwegs, zeigt die Einrichtungen, beantwortet Fragen. Das gehört inzwischen zu ihren täglichen Aufgaben - neben dem Management des Vitalzentrums und den Einzelgesprächen. Für die quirlige Schweizerin mehr als ein Full-Time-Job: Sie koordiniert die Mitarbeiter, entwickelt innovative Angebote, macht sich Gedanken über die Ausstattung der neuen Räumlichkeiten, führt Gespräche mit den Gästen. Jeder Tag ist voll ausgebucht. Dennoch verbreitet Scholastika eine ansteckende Fröhlichkeit. Ihr Lachen ist weit durch die Gänge zu hören. Woher nimmt sie selbst die Zeit und Ruhe, um aufzutanken?
Das Vitalzentrum erweist sich in den ersten Monaten als voller Erfolg. Die 100 Gästebetten sind gut belegt, die Wohlfühl-Wochen ausgebucht, die angebotenen Seminare gefragt. Mit der Resonanz der Gäste können die Schwestern wirklich zufrieden sein. "Das ganzheitliche Konzept ist urchristlich. Und mit der Kombination von Angeboten für Körper, Geist und Seele haben wir offensichtlich genau ins Schwarze getroffen", bestätigt Schwester Scholastika.
Doch zu welchem Preis? Wie steht es um die klösterliche Gemeinschaft. Finden die Ordensschwestern noch Zeit füreinander? Und wie verhält es sich mit der Spiritualität. Ist sie bei der allgemeinen Geschäftigkeit im Kloster überhaupt noch zu spüren? "Einige Mitschwestern hatten anfangs Angst, das Klösterliche ginge verloren. Aber wir können uns unsere Freiräume schaffen", sagt Scholastika. Diese Freiräume müssen sich die Schwestern allerdings manchmal mühsam erkämpfen. Neben den klösterlichen Gebets- und Meditationszeiten bleibt oft nur der späte Abend. Und für den persönlichen Gesprächsbedarf steht der Hausgeistliche zur Verfügung. Ob dies reicht, um alles zu verarbeiten, was täglich auf die Ordensfrauen einströmt? Schließlich sind die Schwestern keine Hotelfachkräfte - und führen dennoch einen Gästebetrieb. Sie sind keine ausgebildeten Psychotherapeuten, müssen aber trotzdem in vielen Lebenskrisen beraten. Auf Ordensebene stößt das Konzept mancherorts auf Skepsis, auch wenn Scholastika sagt, sie selbst habe aus diesem Bereich noch nie ablehnende Stimmen wahrgenommen.
Kritik an diesem Klosterkonzept kommt von Mitgliedern anderer Orden ganz freimütig: "So etwas kommt mir irgendwie billig vor. Wenn man sieht, wo Menschen wirklich Not leiden, ist ein solches Vitalzentrum doch abgehoben. Es gibt genügend Wellness-Angebote außerhalb von Klöstern. Da müssen wir Schwestern uns doch nicht betätigen." Die Meinung von Schwester Frederika ist da ganz eindeutig. Die 70-Jährige aus dem Orden der Barmherzigen Schwestern arbeitet im Zentrum Münchens in einer Suppenküche für Obdachlose. Hier ist sie hautnah mit menschlichen Problemen konfrontiert. Manchmal gibt es Streit, weil der Tischnachbar eine größere Portion erhalten hat. Und die gebrauchten Sachen aus der Kleiderkammer werden den Schwestern förmlich aus den Händen gerissen.
Aber auch in Anbetracht dieser Not kann Schwester Rigoberta, 76, die ebenfalls in der Suppenküche arbeitet, der Idee von Wellnessangeboten in Klöstern durchaus etwas abgewinnen: "Das ist doch auch Dienst am Menschen.
Die Generaloberin der beiden, Schwester Adelinde Schwaiberger, 58, vertritt eine ausgewogene Position. Zwar könne sie sich Wellness Angebote in den 17 Einrichtungen, für die sie verantwortlich ist, nicht vorstellen. Denn ihr Orden hat sich immer vornehmlich um die Armen gekümmert. Aber wenn neben der Pflege des Körpers auch Angebote für die Seele dazukämen, fände sie Wellness in Klöstern akzeptabel. Und sieht auch kein Problem darin, dass diese ihren Preis haben müssten und damit nur für Wohlhabendere erschwinglich seien: "Die Klöster müssen auch für ihr wirtschaftliches Überleben sorgen.
Schwester Adelinde kennt Hektik und Betriebsamkeit aus den Einrichtungen, in denen ihre 532 Mitschwestern tätig sind. In den weiten Gängen des Mutterhauses dagegen, mitten in Münchens Uniklinik-Bezirk, herrscht eine überraschende Stille. Schwester Adelinde sitzt in ihrem mit Antiquitäten ausgestatteten Besuchszimmer und ist die Ruhe selbst. Und damit der lebende Beweis dafür, dass Spiritualität in einem Managementjob nicht verloren gehen muss.
Stille herrscht auch bei den Salesianerinnen im oberbayerischen Dietramszell. Das Barockkloster liegt malerisch eingebettet in die Landschaft des Alpenvorlands. Idylle, so weit das Auge reicht. Die 13 Ordensfrauen leben in strenger Klausur. Die ehemalige Ordensoberin, Schwester Kiliana, 65, und das jüngste Klostermitglied, Schwester Emmanuela, sitzen bei brennender Kerze im bescheidenen Eingangsraum direkt hinter der Klosterpforte. Weiter hinein in den Klausurbereich des beschaulichen Ordens darf kein Besucher.
Die Schwestern unterbrechen ihr Schweigen nur einmal täglich für eine halbe Stunde. Wie die temperamentvolle 33-jährige Kroatin Emmanuela dies aushält, ist ein Rätsel. Die Einhaltung der Klosterruhe ist oberstes Gebot. "Wir wenden uns den Menschen spirituell zu und begegnen ihnen im Gebet", so Sr. Kiliana. Wellnessangebote in Klöstern? Schwester Emmanuela sagt es ganz deutlich: "So etwas gehört nicht zur Ordenswelt. Das finde ich völlig unpassend."
Schwester Cäcilia Höffmann, 63, die Generalsekretärin der Vereinigung der Ordensoberinnen und damit Vertreterin von 27 000 Ordensfrauen, gibt sich offen für viele Konzepte. So kann sie auch der Wellness-ldee etwas abgewinnen: "Zu unserem Verständnis als Ordensgemeinschaften gehört es, dass wir den heutigen Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dies ist ein zeitgemäßes, ganzheitliches Angebot. Die Menschen haben die Chance, durch die klösterliche Ruhe zu sich selbst und damit zu Gott zu finden. Und Gewinne könnten ja durchaus zur Unterstützung von Bedürftigen verwendet werden.
Große Skepsis herrscht dagegen bei einem der prominentesten deutschen Ordensmänner gegenüber Vitalangeboten im Kloster: Für den Benediktinerpater Anselm Grün ist so etwas undenkbar. "Spiritualität ist von Askese geprägt, von Einfachheit Dass man Wellness und Glück kaufen kann, ist eine Illusion. Die Gefahr bei diesen Angeboten besteht darin, dass man sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu narzisstisch wird. Für das Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach, in der Anselm Grün die klösterlichen Geschäfte führt, kämen solche - in seinen Augen trendige - Angebote überhaupt nicht in Frage: "Wir versuchen, den Menschen durch Spiritualität seelisches Gleichgewicht zu geben. Und so etwas kann man sich nur erarbeiten, nicht kaufen".
Wellness-Angebote: Jedes Kloster muss seinen eigenen Weg zwischen Management und Spiritualität finden.

Ständig um das Wohl der Gäste besorgt: Schwester Schalastika (rechts) am Wassertretbecken des Vitalzentrums

 

 

Schwester Cäcilia Höffmann: "Die Menschen haben die Chance, durch die klösterliche Ruhe zu sich und damit zu Gott zu finden."

 

 

Ein Leben in Stille und Gebet: Für die Salesiannerinnen im oberbayrischen Dietramszell ist die klösterliche Ruhe oberstes Gebot

 

 

Suppenküche in München: Schwester Frederika und Schwester Rigoberta sehen ihre Aufgabe bei den Menschen, die "wirklich Not leiden".

 

 

Schwester Adelinde Schwaiberger: "Die Klöster müssen für ihr wirtschaftliches Überleben sorgen."

 

 

Schwester Cäcilia Höffmann: "Wellness im Kloster ist ein zeitgemäßes, ganzheitliches Angebot."

 

 


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