Schnellen
Schritts ist Schwester Scholastika in den Klostergängen
unterwegs. Vom Hallenbad kommend rasch ein Blick zum Tretbecken,
dann geht es zum Empfang, wo sie neue Gäste erwartet.
Die 39-jährige Ordensfrau ist ständig im Einsatz,
seit das Mutterhaus der Dominikanerinnen in Koblenz-Arenberg
im vergangenen Sommer sein neues Vitalzentrum eröffnet
hat. Im Angebot: Sauna, Swimmingpool, Massagen, CrystalBäder.
Ein Wellness-Hotel im Kloster. Aber das Besondere in diesem
Ambiente: Zusätzlich gibt es Angebote wie Meditation,
Kräuterkurse oder klassische Exerzitien.
Wer den wunderschön oberhalb der Stadt in einem Park
gelegenen Gebäudekomplex erreicht, ist fasziniert von
dem Ausblick über den Rhein. Dieser Platz lässt
einen erst einmal die Hektik des Alltags vergessen. Mittendrin
der trutzige Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, erweitert
durch den Neubau des Vitalzentrums, der dem Ganzen eine
etwas leichtere Note verleiht. Innen ein hoher, lichtdurchfluteter
Empfangsbereich. Hier herrscht geschäftige Betriebsamkeit.
Neu angekommene Gäste werden von Schwester Angelina
in den Computer aufgenommen. Von einem modernen Hotelbetrieb
unterscheidet sich hier erst einmal nichts.
Schwester Scholastika ist mit einer Gruppe im Haus unterwegs,
zeigt die Einrichtungen, beantwortet Fragen. Das gehört
inzwischen zu ihren täglichen Aufgaben - neben dem
Management des Vitalzentrums und den Einzelgesprächen.
Für die quirlige Schweizerin mehr als ein Full-Time-Job:
Sie koordiniert die Mitarbeiter, entwickelt innovative Angebote,
macht sich Gedanken über die Ausstattung der neuen
Räumlichkeiten, führt Gespräche mit den Gästen.
Jeder Tag ist voll ausgebucht. Dennoch verbreitet Scholastika
eine ansteckende Fröhlichkeit. Ihr Lachen ist weit
durch die Gänge zu hören. Woher nimmt sie selbst
die Zeit und Ruhe, um aufzutanken?
Das Vitalzentrum erweist sich in den ersten Monaten als
voller Erfolg. Die 100 Gästebetten sind gut belegt,
die Wohlfühl-Wochen ausgebucht, die angebotenen Seminare
gefragt. Mit der Resonanz der Gäste können die
Schwestern wirklich zufrieden sein. "Das ganzheitliche
Konzept ist urchristlich. Und mit der Kombination von Angeboten
für Körper, Geist und Seele haben wir offensichtlich
genau ins Schwarze getroffen", bestätigt Schwester
Scholastika.
Doch zu welchem Preis? Wie steht es um die klösterliche
Gemeinschaft. Finden die Ordensschwestern noch Zeit füreinander?
Und wie verhält es sich mit der Spiritualität.
Ist sie bei der allgemeinen Geschäftigkeit im Kloster
überhaupt noch zu spüren? "Einige Mitschwestern
hatten anfangs Angst, das Klösterliche ginge verloren.
Aber wir können uns unsere Freiräume schaffen",
sagt Scholastika. Diese Freiräume müssen sich
die Schwestern allerdings manchmal mühsam erkämpfen.
Neben den klösterlichen Gebets- und Meditationszeiten
bleibt oft nur der späte Abend. Und für den persönlichen
Gesprächsbedarf steht der Hausgeistliche zur Verfügung.
Ob dies reicht, um alles zu verarbeiten, was täglich
auf die Ordensfrauen einströmt? Schließlich sind
die Schwestern keine Hotelfachkräfte - und führen
dennoch einen Gästebetrieb. Sie sind keine ausgebildeten
Psychotherapeuten, müssen aber trotzdem in vielen Lebenskrisen
beraten. Auf Ordensebene stößt das Konzept mancherorts
auf Skepsis, auch wenn Scholastika sagt, sie selbst habe
aus diesem Bereich noch nie ablehnende Stimmen wahrgenommen.
Kritik an diesem Klosterkonzept kommt von Mitgliedern anderer
Orden ganz freimütig: "So etwas kommt mir irgendwie
billig vor. Wenn man sieht, wo Menschen wirklich Not leiden,
ist ein solches Vitalzentrum doch abgehoben. Es gibt genügend
Wellness-Angebote außerhalb von Klöstern. Da
müssen wir Schwestern uns doch nicht betätigen."
Die Meinung von Schwester Frederika ist da ganz eindeutig.
Die 70-Jährige aus dem Orden der Barmherzigen Schwestern
arbeitet im Zentrum Münchens in einer Suppenküche
für Obdachlose. Hier ist sie hautnah mit menschlichen
Problemen konfrontiert. Manchmal gibt es Streit, weil der
Tischnachbar eine größere Portion erhalten hat.
Und die gebrauchten Sachen aus der Kleiderkammer werden
den Schwestern förmlich aus den Händen gerissen.
Aber auch in Anbetracht dieser Not kann Schwester Rigoberta,
76, die ebenfalls in der Suppenküche arbeitet, der
Idee von Wellnessangeboten in Klöstern durchaus etwas
abgewinnen: "Das ist doch auch Dienst am Menschen.
Die Generaloberin der beiden, Schwester Adelinde Schwaiberger,
58, vertritt eine ausgewogene Position. Zwar könne
sie sich Wellness Angebote in den 17 Einrichtungen, für
die sie verantwortlich ist, nicht vorstellen. Denn ihr Orden
hat sich immer vornehmlich um die Armen gekümmert.
Aber wenn neben der Pflege des Körpers auch Angebote
für die Seele dazukämen, fände sie Wellness
in Klöstern akzeptabel. Und sieht auch kein Problem
darin, dass diese ihren Preis haben müssten und damit
nur für Wohlhabendere erschwinglich seien: "Die
Klöster müssen auch für ihr wirtschaftliches
Überleben sorgen.
Schwester Adelinde kennt Hektik und Betriebsamkeit aus den
Einrichtungen, in denen ihre 532 Mitschwestern tätig
sind. In den weiten Gängen des Mutterhauses dagegen,
mitten in Münchens Uniklinik-Bezirk, herrscht eine
überraschende Stille. Schwester Adelinde sitzt in ihrem
mit Antiquitäten ausgestatteten Besuchszimmer und ist
die Ruhe selbst. Und damit der lebende Beweis dafür,
dass Spiritualität in einem Managementjob nicht verloren
gehen muss.
Stille herrscht auch bei den Salesianerinnen im oberbayerischen
Dietramszell. Das Barockkloster liegt malerisch eingebettet
in die Landschaft des Alpenvorlands. Idylle, so weit das
Auge reicht. Die 13 Ordensfrauen leben in strenger Klausur.
Die ehemalige Ordensoberin, Schwester Kiliana, 65, und das
jüngste Klostermitglied, Schwester Emmanuela, sitzen
bei brennender Kerze im bescheidenen Eingangsraum direkt
hinter der Klosterpforte. Weiter hinein in den Klausurbereich
des beschaulichen Ordens darf kein Besucher.
Die Schwestern unterbrechen ihr Schweigen nur einmal täglich
für eine halbe Stunde. Wie die temperamentvolle 33-jährige
Kroatin Emmanuela dies aushält, ist ein Rätsel.
Die Einhaltung der Klosterruhe ist oberstes Gebot. "Wir
wenden uns den Menschen spirituell zu und begegnen ihnen
im Gebet", so Sr. Kiliana. Wellnessangebote in Klöstern?
Schwester Emmanuela sagt es ganz deutlich: "So etwas
gehört nicht zur Ordenswelt. Das finde ich völlig
unpassend."
Schwester Cäcilia Höffmann, 63, die Generalsekretärin
der Vereinigung der Ordensoberinnen und damit Vertreterin
von 27 000 Ordensfrauen, gibt sich offen für viele
Konzepte. So kann sie auch der Wellness-ldee etwas abgewinnen:
"Zu unserem Verständnis als Ordensgemeinschaften
gehört es, dass wir den heutigen Bedürfnissen
der Menschen entsprechen. Dies ist ein zeitgemäßes,
ganzheitliches Angebot. Die Menschen haben die Chance, durch
die klösterliche Ruhe zu sich selbst und damit zu Gott
zu finden. Und Gewinne könnten ja durchaus zur Unterstützung
von Bedürftigen verwendet werden.
Große Skepsis herrscht dagegen bei einem der prominentesten
deutschen Ordensmänner gegenüber Vitalangeboten
im Kloster: Für den Benediktinerpater Anselm Grün
ist so etwas undenkbar. "Spiritualität ist von
Askese geprägt, von Einfachheit Dass man Wellness und
Glück kaufen kann, ist eine Illusion. Die Gefahr bei
diesen Angeboten besteht darin, dass man sich zu sehr mit
sich selbst beschäftigt, zu narzisstisch wird. Für
das Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach, in
der Anselm Grün die klösterlichen Geschäfte
führt, kämen solche - in seinen Augen trendige
- Angebote überhaupt nicht in Frage: "Wir versuchen,
den Menschen durch Spiritualität seelisches Gleichgewicht
zu geben. Und so etwas kann man sich nur erarbeiten, nicht
kaufen".
Wellness-Angebote: Jedes Kloster muss seinen eigenen Weg
zwischen Management und Spiritualität finden. |

Ständig
um das Wohl der Gäste besorgt: Schwester Schalastika
(rechts) am Wassertretbecken des Vitalzentrums

Schwester
Cäcilia Höffmann: "Die Menschen haben die
Chance, durch die klösterliche Ruhe zu sich und damit
zu Gott zu finden."

Ein
Leben in Stille und Gebet: Für die Salesiannerinnen
im oberbayrischen Dietramszell ist die klösterliche
Ruhe oberstes Gebot

Suppenküche
in München: Schwester Frederika und Schwester Rigoberta
sehen ihre Aufgabe bei den Menschen, die "wirklich
Not leiden".

Schwester
Adelinde Schwaiberger: "Die Klöster müssen
für ihr wirtschaftliches Überleben sorgen."

Schwester
Cäcilia Höffmann: "Wellness im Kloster
ist ein zeitgemäßes, ganzheitliches Angebot."
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