Wo die Nonnen Gärtnerkluft tragen

Beten zwischen Beeten: Teil 2 unserer großen Serie führt uns in den Kräutergarten der Arenberger Dominikanerinnen

Text und Fotos: Petra Ochs


Baumwollhose statt Nonnentracht, Strohhut statt Schleier: Schwester Josefa ist die Chefin im Arenberger Kräutergarten und als solche immer im Gewächshaus (oben) oder im Kräuterhaus beim Marmeladekochen.




Ringelblumen und Minze, Spitzwegerich und Frauenmantel: Auf einem großen Feld beim Kloster Arenberg ernten die Nonnen und ihre Helfer zentnerweise Kräuter, die sie selbst trocknen und zu Teemischungen verarbeiten

Es gibt Kräutergärten, die mehr sind als das übliche Eckchen hinterm Haus, in dem man sich schnell ein paar Zutaten fürs Kochen abschneidet. Zwischen duftenden Zweigen und Knospen kann sich eine andere Welt auftun: eine mittelalterliche Burg oder eine moderne Forschungseinrichtung, das alte Rom oder ein stilles Kloster. In einer großen Serie erzählen Autoren unserer Zeitung die Geschichten dieser Gärten

KOBLENZ.
Ein süßer Duft strömt aus dem kleinen Kräuterhaus, in dem Schwester Josefa vor dem Herd steht. Mit einem Holzlöffel rührt sie in einem Kochtopf mit brodelndem Holunderblütengelee, lässt es einige Minuten blubbern und gießt es tropf genau in Konfitüregläser. „Das ist für die Schwestern", erklärt die Chefin im klösterlichen Kräutergarten von Arenberg zufrieden. Die erste Marmelade des Jahres - endlich!
Die kleine Welt der Arenberger Dominikanerinnen liegt hoch über dem Rhein bei Koblenz. Ein besonderer Ort: Tausende Besucher kommen jährlich hierher, um einen Wellness- Urlaub der anderen Art zu machen. Die Kräuter, die die Schwestern in ihrem Garten ziehen, kommen dabei auch zum Einsatz, etwa in pflegenden Ölen. Was man alles mit den kostbaren Gewächsen machen kann, wissen die Frauen aus Tradition.

Im hölzernen Gartenhäuschen brauen Schwester Josef a und ihre helfenden Hände so manches zusammen: Ringelblumensalbe und Johanniskrautöl, Spitzwegerich-Hustensirup und Melissen-Lippenbalsam. Wie eine lange Reihe von Ordensfrauen und -männern vor ihnen, nutzen sie ein Wissen, das in Jahrhunderten zusammengetragen wurde. Findige Benediktinermönche brachten im frühen Mittelalter Kräuterableger mit über die Alpen - und mit ihnen das antike Wissen über ihre Heilkraft. In den Klöstern lebte diese Kunde seither fort, im Garten ebenso wie in wegweisenden Schriften wie denen der Heiligen Hildegard von Bingen.

Vor heutigen Klostergärten macht jedoch die Moderne nicht halt. Das fängt schon beim „Outfit" an: Als Nonne erkennbar ist Schwester Josefa nicht, als sie durch den Garten streift. Ihre Nonnentracht hat die gärtnernde Ordensfrau gegen unverwüstliche grüne Baumwollhosen, T-Shirt und Strohhut getauscht. Am Gürtel blitzt das Funkgerät - wie Handy und Gartenschere unverzichtbares Accessoire der Gartenleiterin und ausgebildeten Gesundheitspädagogin, die inzwischen auch unter die Gartenbuchautoren gegangen ist.
Beherzt rupft Josefa eine wilde Wicke aus der kargen Erde neben dem Johanniskraut. „Man kann gar nicht so schnell nachkommen, wie das Unkraut wächst", stellt sie fest. Auch ein gut gepflegter Kräutergarten ist eben alles andere als berechenbar. Und so kommt es, dass sich inmitten des Huflattich-Nachwuchses Minze ihren Weg ans Licht bahnt und sich neben Pimpinelle und Oregano vorwitzige Maiglöckchen angesiedelt haben, die eigentlich im Giftbeet zu Hause sind.
Im Arenberg'schen Garten gilt das Prinzip „Laisser-faire": Wo sie nicht explizit stören, dürfen die Eindringlinge getrost stehen bleiben. Wie die Königskerzen, die Josefa ganz besonders mag, „weil sie so aufrecht im Leben stehen". Oder die Brennnesseln, die es sich unweit der knorrigen Quittenbäume gut gehen lassen. „Nur beim Baldrian haben wir ein Problem", bekennt die Nonne. Schuld haben die Katzen, die sich am Wurzelwerk berauschen. Also in diesem Jahr kein Baldriantee? Sowieso nicht: Geerntet wird in diesem Teil des Gartens, den 16 Beeten des Apothekergärtchens, nämlich nie - er dient lediglich als Schau- und Lehrgarten.

„Schöne Gärten sind so alt wie die menschliche Zivilisation. Als irdisches Abbild des Paradieses sollten sie den Körper nähren und heilen, den Geist anregen und die Seele besänftigen", steht auf dem Schild am Eingang des Gartens geschrieben. Und genau so soll es in Arenberg sein – auch ohne weit zurückliegende historische Wurzeln: Das 1868 gegründete Kloster der Dominikanerinnen kann naturgemäß nicht auf eine bis ins Mittelalter reichende Garten-Tradition blicken. „Doch Kräuter gab es hier immer schon", erzählt Schwester Josefa. Eben die gängigen Küchenkräuter, die im Gemüsegarten wuchsen.
Bis vor sechs Jahren. Da wurde der gut 2000 Quadratmeter große Kräutergarten neu angelegt. Vier Elemente bilden ein großes Ganzes -Apotheker- und Teegarten, Kräuterspirale sowie Duft- und   Aromagarten.   50   verschiedene Kräuterarten gedeihen hier. Die Vorlagen der Anlage sind uralt, wenn auch frei interpretiert. Der bedeutsame Kräutergarten von St. Gallen war streng symmetrisch, sein Plan aus dem Jahr 820 Vorbild der meisten Klostergärten des Mittelalters.
Im Teegarten von Arenberg wird diese Tradition lebendig. Die Anlage ist von christlichen Symbolen geprägt: Die Wege verlaufen in Kreuzform, ein Labyrinth ist angedeutet. Stolze Königskerzen füllen das runde Zentrum, darum gruppieren sich Felder von duftiger Zitronenmelisse, wogendem Muskatellersalbei, Zitronen-verbene und Ananassalbei, Der blühende Thymian hat bereits einen üppigen Teppich gebildet. Wie ihre Verwandten auf dem nah gelegenen Kräuterfeld wachsen die Pflanzen einem schönen Schicksal entgegen: Am Ende landen sie alle im Tee.
Im vergangenen Jahr erntete das Kloster rund 400 Kilogramm getrocknete Kräuter. „Mehr können wir gar nicht verarbeiten", erklärt Schwester Josefa auf dem Weg in die „Krauterwerkstatt". In großen Papiertüten kommen die Kräuter hier aus dem Trocknungskeller, landen auf dem Tisch vor Schwester Annette und Schwester Lidwina. Per Hand verlesen die Nonnen den Tee, fischen Stängel heraus, zerkleinern große Blätter. „Wenn die Kräuter frisch hereinkommen, duftet es so schön", schwärmen sie. Die Schwestern haben den Vormittag über Etiketten auf die Gläser mit dem frischen Holunderblütengelee geklebt. Nun, nach getaner Arbeit, gönnen sie sich ein Glas Kräuterbowle - für die sich in der Nacht zuvor Ananassalbei, Duftrosenblätter und Apfelminze zum Stelldichein im gekühlten Apfelsaft-Wasser-Bad trafen.
Wieder draußen im sonnigen Klostergarten führt der Weg vorbei an Streuobstwiesen zum Kräuterfeld. Auf 2000 Quadratmetern wird hier angebaut, was später als Teemischung in den Klosterladen kommt: Spitzwegerich, Ringelblumen und Frauenmantel, Malven und Minzen, Schafgarbe, Fenchel und Drachenkopf, eine moldawische Melissenart. Neu im Kräuterreigen ist das Zitronengras. Ob der Exot hier gedeihen kann, wird sich aber erst noch zeigen müssen.
Die Zeiten der „monastischen Autarkie", als die Abteien sich mit den Erträgen ihrer Kräuter-, Gemüse- und Obstbaumgärten noch selbst versorgen mussten, sind nicht nur hier lange vorbei. In den modernen Klöstern kommt das Mittel gegen Bauchweh nur noch selten aus dem Garten, sondern aus der Apotheke. Kräuter, Obst und Gemüse kommen meist aus dem Laden. Doch wie in Arenberg fül¬len viele Klöster alte Gartentradition wieder mit neuem Leben. Und wo früher nur Ordensleute ihren Fuß hineinsetzen durften, wandeln nun auch weltliche Besucher und Gartenfreunde.
Heute jedoch schwirren nur die Bienen munter umher, während auf dem Feld fleißiges Treiben herrscht. Die Erntezeit hat begonnen. Schwester Modesta ist „in der Kamille", Zivildienstleistender Lars und FÖJ-lerin Ricarda pflegen Lavendel und Apfelminze.
An anderen Tagen ist der Garten ein Besuchermagnet.

„Der Kräutergarten gehört einfach mit zum Konzept des Klosters", betont Schwester Josefa. Mitten in einer lauten, hektischen Welt will Kloster Arenberg ein Ort sein, an dem die Menschen Ruhe und Erholung finden - gerne mit einem leckeren Kräutertee in der Hand.