Wecke mich auf, Herr!
Wecke auf, was du angelegt in mir!
Wecke, was schlummert, was wie zu Eis gefroren und erstarrt,
was in der Hast des Alltags vergessen, verschüttet und verstaubt!
Wecke mich auf, wie der Frühling Gräser und Blumen
zum Sprießen bringt, die Vögel zum Singen,
Käfer neu belebt und den Wald grünen lässt!
Wecke mich auf wie Lazarus aus dem Grab!
Wie du die Ohren der Tauben, die Augen der Blinden geöffnet
und zum Leben erweckt hast. Wecke mich auf, Herr!
Hole heraus aus der Tiefe, was zum Lichte drängt,
was von Angst und Scham zurückgehalten
und vom trägen Herzen behindert!
Wecke mich auf, Herr! Wecke, rufe, dränge!
Locke ganz leise und sacht,
was schwach und zart, noch geborgen in meinem Innersten!
Mit der Liebe, Wärme sprich es an,
wie der Sonnenstrahl den Keim in des Ackers Tiefe!
Herr, erspüre du, was ich selber nicht vernehme,
nicht zu glauben wage!
Mit deiner Künstlerhand berühre
meine Saiten und lass sie schwingen, erklingen!
Spiel du in mir die Melodie,
die jedem vernehmbar wird, alle ergreift und beglückt!
Spiel das Lied, das Liebe heißt und selber Leben weckt.
Amen.
(P. Helmut Schlegel OFM: Der Sonnengesang, Exerzitien im Alltag mit Franz und Klara von Assisi, Echter Verlag, 2001, S. 46)
|