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IMPULS FÜR DEN MONAT NOVEMBER 2011

Geduld

01.11.2011

Was mich bewegt
Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist Austragen -
und dann
Gebären...
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit ...
Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

Aus: Rainer Maria Rilke: „Briefe an einen jungen Dichter“



Der obenstehende Text von Rainer Maria Rilke begegnete mir vor einigen Wochen und hat mich zutiefst angesprochen.

Wir stehen im Herbst, noch einmal gibt es ein prächtiges, warmes Farbspiel der Blätter. Und der Winter kündigt sich an: Die Uhr ist umgestellt, die Farben in der Natur werden sanfter und weniger; es wird kälter. Mir begegnen brachliegende Felder, manches sieht bereits erstarrt und leblos aus.

Im eigenen Leben und in den Begegnungen mit den Gästen in Kloster Arenberg begegnet mir oft eine große Ungeduld gegenüber „dem Ungelösten“ im Leben, Zeiten, in denen sich scheinbar nichts tut, ich immer noch mit denselben Fragen beschäftigt bin, ich noch nicht verstehe, welchen Sinn eine Erfahrung macht, etwas auf den ersten Blick nicht schön, leblos oder leer aussieht…

Oft sind wir getrieben von dem Gedanken, schon weiter sein zu müssen, streben wir das Offensichtliche, die Festlegung an, Sicherheit, Klarheit… Das ist gut so, das darf ich wahrnehmen.
Oft lässt mich die Ungeduld (die häufig mit Abwertung meiner selbst oder anderer verbunden ist) jedoch über Wichtiges hinweggehen und vorantreiben, was noch nicht reif ist.

Ich lade Sie ein, den Winter, die Brachzeiten im Leben, nicht als notwendiges Übel zu sehen, als schlechtere Zeit gegenüber den anderen Jahreszeiten, sondern bewusst auch diese Zeit und wofür sie steht, als Geschenk Gottes, wertzuschätzen, sie anzunehmen, manchmal vielleicht auch auszuhalten - mit der Verheißung, dass sie Grundlage ist und der größeren Fülle dient…

Lassen Sie sich ansprechen, ermutigen von Rilkes Text
in Ihre je eigene Situation hinein!

Mit herzlichen Grüßen aus Kloster Arenberg,
Ihre Elke Lackmann

Impuls im November 2011 zum Ausdrucken

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