In diesen winterlichen Tagen kommen in unser Kloster so manche Gäste, die in Trauer sind. Mir gehen noch die Begegnungen und das Schicksal einer alleinerziehenden Frau nach, die durch einen tragischen Verkehrsunfall ihr einziges Kind verlor.
Plötzlich war ihr geliebter Sohn nicht mehr da! Die Mutter weiß zwar, dass er dennoch da ist; sie ahnt und hofft und bekommt auch Zeichen, dass das Leben über den Tod hinausgeht. Aber es ist alles anders geworden. Schlagartig. Ein Schicksalsschlag, ein brennender, schier nicht enden wollender Schmerz in der Mutterbrust. Ein langes Ringen mit dem Verlust, mit der Leere, mit der Entscheidung, wieder am Leben teilzunehmen.
Diese Frau erzählt mir von „vier minus drei“, einem Buch, in dem sie sich in vielen Beschreibungen wiederfindet. Die Autorin Barbara Pachl-Eberhart berichtet darin in sehr ehrlicher und vermutlich deshalb so ergreifender Weise, wie es ihr mit dem Unfalltod ihres Mannes und der beiden Kinder ergangen und wie sie damit umgegangen ist. Ja, ihre ganze Familie kam bei einem Autounfall ums Leben! Mit einem Schlag war sie ganz allein, vier minus drei.
Frau Pachl-Eberhart durchlebt furchtbare Zeiten, aber darf darin auch sehr wertvolle Erfahrungen und Begegnungen machen und wichtige Erkenntnisse gewinnen. Erfahrungen und Erkenntnisse, die durch ihr Buch auch anderen Trauernden zugute kommen und die auch mir zu denken und zu handeln
geben.
Mich bewegt, dass sie in ihrer Trauer es nicht ertragen kann, Eltern zu sehen, die mit ihren Kindern schimpfen, und Paare, die sich nicht gut sind. Sie möchte ihnen gerne zurufen:
Könnt ihr euch nicht – bitte! – einfach
sagen, dass ihr euch liebt?!
Ich gebe ihr Recht. Das Leben ist viel zu kostbar und viel zu kurz, um lange miteinander böse zu sein. Man müsste großzügiger sein mit Liebesbekundungen, Komplimenten und Geschenken. Und dankbar, ganz dankbar für die vielen Momente, die man mit Partner und Kindern, mit Verwandten, Freunden, Gästen oder Passanten bewusst und liebevoll (und manchmal schimpfend, das gehört auch dazu) leben darf.
Eine andere Frau, deren Mann plötzlich verstarb und deshalb Tage im Kloster verbrachte, hinterließ uns im Gästefragebogen die Rückmeldung, dass ihr hier im Kloster besonders gut getan habe „… die Herzlichkeit der Schwestern, eine Umarmung, wenn man sie dringend brauchte“.
Diese Momente, in denen ehrliche Herzlichkeit erfahren wird, berühren mich auch sehr im besagten Buch. Da ist ein Kindergartenfreund des Sohnes, der auf den Schoß der Trauernden klettert und sie zärtlich streichelt. Eine Verkäuferin, mit der es im Kaufhaus zu einer spontanen Umarmung kommt. Clown-Kollegen, die für sie singen und ihr helfen, zu ihrer Wut zu stehen. Die verständnisvollen Eltern
und Freundinnen, die ihr immer wieder etwas zum Essen vorbeibringen und dabei respektieren, wenn sie nur für sich sein möchte; die sie in Ruhe und doch nicht allein lassen mit ihrem Schmerz.
Gerade dafür sind auch so viele Gäste hier im Kloster dankbar: man ist in einer geborgenen Umgebung, kann Begegnung, Austausch, Ermutigung erfahren und/oder darf auch ganz für sich sein, sei es im stillen Speiseraum, im gemütlichen Zimmer, in der Natur oder auch in der Kapelle, wo so manche Trauernde ihre Bitten und Klagen in unser „Versöhnungsbuch“ schreiben oder auch auf andere Weise mit Gott sind – und dann, wie es scheint, getröstet und gestärkt in den Alltag zurückkehren.
Martin Hofmeir
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