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Wenn
ich hier am frühen Morgen so stehe und die
Tautropfen glitzern, dann kommt mir das immer vor
wie eine Elfenwiese.“ Bruder Hilarius ist
ergriffen wie am ersten Tag in Maria Laach.
Wir erwischen ihn nach dem Konventart und spazieren
gemeinsam durch den Garten der Abtei.
Im Gespräch mit dem Klostergärtner merkt
man gleich:
Er besitzt ein großes Herz.
Und singen kann er, dieser Mönch!
Während er die Setzlinge und Arzneikräuter
inspiziert, kommen ihm nicht nur Choräle über
die Lippen.
War das nicht eben Lohengrin? „Dritter Akt“,
nickt der fromme Mann und strahlt wie Wagners Schwanenritter.
Bruder Hilarius, der Heitere, steht der Frohsinn
förmlich ins Gesicht
geschrieben. Unter seinen Händen wurde die
Gärtnerei der im 11. Jahrhundert
gestifteten Benediktinerabtei zu einer Haupteinnahmequelle.
Und zum Reiseziel. Neben Küchenkräutern
gedeihen hier die Heilpflanzen der Klostermedizin.
Im Mittelalter erlangten die Klöster große
Bedeutung für die Bewahrung und Fortentwicklung
des Wissens über die nützlichen Pflanzen.
Sie besaßen das Monopol für die medizinische
Betreuung der Bevölkerung.
Alte medizinische Handschriften wie das Lorscher
Arzneibuch (es wurde verfasst um 795), der Macer
floridus und die Arzneimittellehre der Secreta salernitana
aus dem 12. Jahrhundert sind bis heute von großer
Bedeutung für die Pharmazie.
„In diesen Texten werden bereits ausführlich
Kräuter und Mineralien behandelt, sowie deren
Wirkungen und Haltbarkeit und sogar teure Fälschungen
aus Asien“, sagt Dr. Johannes Mayer von der
Forschergruppe Klostermedizin an der Universität
Würzburg.
Als Wiederentdecker der alten Arzneipflanzen gilt
Sebastian Kneipp, der „Wasserdoktor",
der sich im 19. Jahrhundert um eine ganzheitliche
Gesundheitslehre verdient gemacht hat. „Heute
sind die Kräuterheilkunde, Bäder, Fasten,
Meditation, die Ernährungslehre und Prophylaxe
zentrale Elemente der modernen Klostermedizin“,
sagt Johannes Mayer.
Bruder
Hilarius schafft Grundlagen für die Gesundheitsvorsorge
im Geist der Klostermedizin. Sein Reich betreten
die Besucher, noch bevor sie in die Kirche gehen.
„Beifuß", erklärt er den Kräuternovizen,
„wirkt als Tee belebend und hilft gegen Verdauungsstörungen“.
Weinraute und Rosmarin sind „für die
Nerven“, die Monatserdbeere „zum Naschen“.
In Sex on the Beach, den Cocktail in der Bar des
Klosterhotels, kommen allerdings Pfirsichlikör
und Orangensaft hinein. Der Mönch lacht. „Wir
müssen doch feiern üben und uns freuen“,
sagt er, „damit wir nicht als Stümper
dastehen, wenn es so weit ist für die ewigen
Feiern.“
Bruder Hilarius predigt „gesundes Leben ohne
Kasteiung“. Wo mag das besser gelingen als
in einem Ordnungsgefüge, in dem es Bett wie
Beichtgelegenheit gibt - und die süßesten
Früchte gleich vor der Haustür. Maria
Laach ist auch für seine Äpfel berühmt.
Viel Anstrengung steckt in allen Klosterprodukten.
„Wir sind den Kunden gegenüber verpflichtet,
das anzubieten, was wir selbst für gut halten“,
sagt Bruder Hilarius. „Dabei kommt es nicht
so sehr auf das Finden an, sondern darauf, zu erkennen,
was man sucht.“
Vor
allem der Symbolik wegen wird Selaginella lepidophylla
verkauft. Trockenheit lässt das mexikanische
Wüstengewächs (als Tee gut bei „mancherlei
Krankheiten“) zu einem unansehnlichen braunen
Ballen schrumpfen. Doch nach wenigen Tropfen Gießwasser
grünt die „Auferstehungspflanze“,
oder „Rose von Jericho“ wie von Zauberhand.
Das werden wir daheim ausprobieren, erwerben das
Gestrüpp und lassen den Gärtner ziehen.
Gegen Mittag wird er nämlich unruhig.
Es ruft der „Gottesdienst“ im Freien.
Bruder Hilarius tauscht das dunkle Habit gegen Hemd
und Hose, packt die Nordic-Walking-Stöcke und
schwirrt ab ins Grüne.
Wir stöbern noch im Klosterladen, stoßen
auf die aromatische Kräutermischung Andante:
„Folgen Sie Ihrer inneren Melodie“ und
den Wellness-Tee Amabile: „Seien Sie liebevoll
zu sich selbst!“ Gesunde Lebensmittel: Eisbein
vom Laacher Bio-Schwein, Quattro-FormaggioPizza
aus Dinkel-Vollkorn-Mehl oder Bio-Sekt-Trüffel
bekommt man - neben 70 Käsesorten von der Käsetheke
- im Hofladen am See.
Die Domäne von Agraringenieur Michael Ullenbruch
und seiner Frau Nina. Sie bewirtschaften für
Maria Laach einen Bio-Betrieb. Seit sie auf gesunde
Ernährung achtet, sagt die Chefin, die aussieht
wie das blühende Leben, habe sie keine Hautprobleme
mehr.
Zuvor litt sie unter einer hartnäckigen Neurodermitis.
Wir
werfen noch einen Blick auf die glücklichen
Rinder auf der Weide vor dem Laden, dann heißt
es Abschied nehmen. „Das Gespräch mit
Ihnen war wie ein japanisches Kirschblütenfest",
sagt Bruder Christoph. Möchte man von einem
solchen Ort scheiden?
Nur
wenn die Alternative Kloster Arenberg heißt.
Hoch über dem Rheintal bei Koblenz öffnen
Dominikanerinnen ihr Domizil mit dem herrlichen
Eifelblick für jedermann - „gleich welchen
Glaubens und welcher Lebenssituation“.
Rheinromantik, gottgefälliges und gesundheitsbewusstes
Leben finden hinter den mächtigen Backsteinmauern
wie selbstverständlich zusammen.
Seit einigen Jahren überzeugen die Ordensschwestern
mit einem einmaligen Gesundheitskonzept:
Inspiriert durch Kneipps Gedanken der „Entfaltung
und Stärkung aller vitalen Kräfte“
bauten sie eine gepflegte Wellness-Abteilung mit
Panorama-Pool und Behandlungsräumen für
Kneipp-Anwendungen und Physiotherapie auf - ein
Kloster-Spa. Regenerativ und präventiv ist
das Vitalprogramm.
Der
Morgen beginnt um sieben mit Tautreten. Frühtau
kitzelt die Fußsohlen. „So werden perfekt
die Gefäße trainiert“, sagt Trainerin
Stephanie Zöllner.
„Wir
machen das so lange, bis der Kältereiz kommt.“
Keine zwei Minuten, und es ist es soweit. Die Füße
schmerzen fast. „Sie haben Ihr Immunsystem
optimal gestärkt.“ Gut fürs Walking
- auf zum Kreislauf-Training im Park. Die ersten
Sonnenstrahlen zittern zwischen den Büschen.
Den Frühstücksraum erhellt Annuntiata.
Die Schwester weiß, wie man Morgenimpulse
gibt, ihre Lachfalten sprechen Bände. Dabei
ist die Gästebetreuerin des Klosters, das einmal
als „Club Med des Christentums“ bezeichnet
wurde, sehr feinfühlig. „Sie müssen
hier an nichts teilnehmen" sagt sie. „Wir
lassen Sie frei laufen. Ich bin ja auch ganz frei.“
Aufatmen bei den Neuen. Sie basteln an ihrem Stundenplan.
Es gilt, die schönste Zeit fürs Sonnenbad
auf der Terrasse und den Aufenthalt im Park mit
den alten Obstbäumen zu finden. Dort sind überall
Bänke aufgestellt, es gibt einen Seerosenteich
und Pavillons zum Alleinsein, zum Lesen oder zum
Musikhören.
Im Buchladen von Maria Laach haben wir uns
Lektüre besorgt. Agatha Christies Mord im Pfarrhaus.
Und eine CD: Johnny Cash.
Die Country-Legende versuchte, nach den Lehren Christi
zu leben.
Sein Großvater war Priester, der Vater Farmer.
Wir beißen in einen Klosterapfel.
Das
soziale Leben spielt sich auf Arenberg im Neubau
ab. Der Gästetrakt
ist hausbacken und elegant zugleich, hat etwas von
Jugendherberge und Zauberberg-Atmosphäre. In
den Zimmern laden Ohrensessel
zum Schmökern ein, Designer-Lampen spenden
Licht.
Die Bibel liegt auf dem Nachttisch.
Am Empfang grüßt ein junger Engel: Schwester
Maria Angelina.
Man bewegt sich hier nicht bloß im Schatten
später Mädchenblüte. Geschmackvolle
Ledersofas stehen im Foyer. Und im Kontrast zum
Kantinencharme des Speisesaals.
Doch das Essen hat Sterne-Qualität!
Heute kocht Gregor Kühn Fischpfanne mit Spinatküchlein
und Brokkoli.
Der
Küchenchef kommt aus der Spitzengastronomie,
befuhr auf einem Luxusliner die Weltmeere, bevor
er in Arenberg vor Anker ging.
Nun
veranstaltet er in der Klosterküche Kochdemonstrationen:
„Weg von den Fertigsuppen, mehr Arbeit am
Frischgemüse.“
In seiner Kräuterschule muss man „fühlen,
riechen und raten, was es ist“.
Besonders
gekitzelt werden die Sinne im Klosterkeller. Eine
Versuchung ist schon der Lift, der am Ende eines
langen Ganges meistens einladend offen steht. Er
leuchtet wie die Sünde. Granatapfelrot! Fast
fürchtet man sich, für ein Glas Wein hinunterzufahren.
Doch es ist Klostermedizin. Vorzüglich ist
übrigens der Cochemer Klostergarten. Merkwürdig
nur: Die Lust auf Alkoholisches vergeht im Wellness-Kloster
flugs. Schuld ist der Kräutertee, der reichlich
ausgeschenkt wird. Eine wilde Mischung, die Schwester
Irmingard jeden Morgen pflückt. „Ich
nehme Zitronenmelisse, Königskerze, Frauenmantel,
Spitzwegerich. Und das variiere ich.“
Selbst mit anfassen dürfen die Gäste in
der Küche der Kräuterei.
Hier verarbeiten die Schwestern Heilpflanzen zu
Zwiebelbonbons, zu Kräuteressig und -pesto.
Während ein junger Mann mit Rastazöpfen
Etiketten beschriftet (Jonas heißt er und
absolviert ein ökologisches Jahr), zupfen einige
Frauen Johanniskraut. Wo Schwester Irmingard ist?
„Die springt mit dem Korb auf dem Feld herum“,
ruft Jonas. Dort sammelt sie frische Teekräuter
und erklärt, „was man mit Pflanzen alles
machen kann.“
Ist denn gegen alles ein Kraut gewachsen? „Sehen
Sie“, doziert die Dominikanerin, „wenn
jemand mit einem Wespenstich zu mir kommt, nehme
ich Spitzwegerich, und er ist nach einer Viertelstunde
geheilt‘ Es scheint einfach: „Sie zerdrücken
ein Blatt, bis Feuchtigkeit austritt, und bestreichen
damit die Stelle. Das wirkt antiseptisch.“
Sonnenbrand und Gürtelrose behandelt sie mit
Johanniskraut, ebenso Ischias und Rheuma. Zur Beruhigung
empfiehlt Schwester lrmingard die Pflanze als Tee.
„Wie, Sie vertragen kein Johanniskraut?"
fragt die Nonne die Besucherin und macht eine Blitzdiagnose.
„Kein Wunder, Sie sind ein lichtempfindlicher
Typ.“ Die Schwester weiß: „Nicht
jedes Kraut ist für jeden gut.“
In einen Haushalt gehören laut Kneipp 10 bis
15 Heilpflanzen. Damit experimentiert die Nonne.
„Hier haben wir Holunderblütengelee mit
Wein - eine Köstlichkeit. Und es beugt Erkältungen
vor.“ Begehrter ist nur ihr Kräuterschlemmereis.
Die Kräuterküche umgibt der Kräutergarten,
der als Lehr-, Duft- und Aromagarten angelegt ist.
Und als Apothekergarten, in dem die Pflanzen
ihrer jeweiligen Anwendung entsprechend gesetzt
wurden: Atemwegserkrankungen, Herzleiden, Störungen
des Nervensystems. Daneben sind die Rosenbeete:
Aachener Dom, Märchenkönigin Hier riecht
es
wie im Garten meiner Großeltern“, freut
sich eine Urlauberin. Wieder fällt der Abschied
schwer.
Das nächste Ziel ist Rüdesheim.
Bis zur Abtei St. Hildegard, wo Hildegard von Bingen
1136 Äbtissin wurde, dauert es eine Stunde.
An Bord: die Rose von Jericho und Johnny Cash.
Durchs Mittelrheintal - zwischen Koblenz und Bingen
- geht die Fahrt - eine Landschaft, die Maler und
Dichter gepriesen haben und die jüngst UNESCO-Weltkulturerbe
wurde.
Hoch über den Rebhängen leben die Benediktinerinnen.
„Und Sie, Sie leben völlig falsch“,
sagt Schwester Philippa zur Begrüßung.
Die Autorin wirkt abgehetzt. Die Nonne ist gnadenlos.
Und hat so Recht.
Doch: Hasten nicht auch die Schwestern ständig
von Gebet zu Gebet? Umso wichtiger, sich fit zu
halten! Philippa ist eine richtige Levitenleserin.
Eine Frau, die einen auf den richtigen Weg führt,
innig vertraut mit den Schriften Hildegards von
Bingen. Sie weiß, wie viel Scharlatanerie
in ihrem Namen getrieben wird: „Man muss auf
der Hut sein.“
„Fast alles, was heute unter dem Namen Hildegard
verkauft wird, ist problematisch“, bestätigt
Forscher Johannes Mayer, „da kaum historische
und naturwissenschaftliche Untersuchungen gemacht
wurden.“
Deutschlands
prominenteste Mystikerin hat 16 Heilpflanzen benannt.
Sie wurde 80 Jahre alt.
Wie sie wohl selbst Leib und Seele beisammen hielt?
War es der Rebensaft? Der Rheingau ist Riesling-Land.
Auf sieben Hektar bauen die Nonnen Riesling und
Spätburgunder an, vermarkten die himmlischen
Tropfen bis in die USA. „Bei Hildegard ist
Wein in maßvollem Genuss gesund“, sagt
Schwester Philippa. „Er stärkt Herz und
Kreislauf".
Die Weine sind im Klosterladen erhältlich.
Auch zwischen 70 Dinkelprodukten kann man wählen.
Seit den Siebzigerjahren beschäftigen sich
die Klosterfrauen mit dem Urgetreide. „Wir
haben erfahren, dass Dinkel gesünder ist als
vieles andere" sagt Philippa. Der hohe Gehalt
an Kieselsäure etwa ist gut für Haut und
Haar - viele Menschen mit Hautausschlägen haben
ihre Ernährung entsprechend umgestellt.
Die Ordensfrau betont, dass es Hildegard vorrangig
um Vorbeugung und ausgewogene Lebensführung
ging. „Wenn Sie Hildegard verstehen wollen,
müssen Sie ihre gesamte Lebensweise umstellen.
Das bedeutet auch, einen gleichmäßigen
Rhythmus von Schlafen und Wachsein, von Bewegung
und Ruhe einzuhalten.
Sogar das Gleichmaß von Schweigen und Kommunikation
ist wichtig.“
Diese Pole müssen in einem diskreten Verhältnis
stehen (Lateinisch für ,,Maß halten“).
"Wenn man sich ausschließlich von Dinkel
ernährt, wird man auch krank.“
Hildegard war keine Vegetarierin. Sie aß Fisch
und Fleisch. Rezepturen sucht man aber vergeblich.
„Was ihr da unterstellt wird, ist nicht authentisch.
Es gibt keine Rezepte bei Hildegard,“ sagt
Schwester Philippa. „In ihren naturkundlichen
Schriften beschreibt sie Pflanzen in ihren Wirkungen
sowie Krankheitsbilder und wie sie die Pflanzen
zur Linderung verwendet.“ Ohne Gott und den
Glauben aber so die Nonne, sei das alles Humbug.
Seele, Leib und Geist gehören zusammen.
Fernhalten
will man sich vom Trend, im Namen Hildegards Heilmittel
zu verkaufen. „Wir möchten keine falschen
Hoffnungen wecken.
Wir setzen auf eine gesunde Lebensführung“,
sagt die Benediktinerin.
Ob man Bruder Hilarius wohl jetzt beim Nordic Walking
träfe?
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