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In Gottes Namen Wellness

Vormittags mit den Nonnen Bauch, Beine, Po trainieren, nachmittags Rosenkranz beten. Im Kloster Arenberg bei Koblenz sorgen sich die Dominikanerinnen um Leib und Seele der Gäste

Von Monika Putschögl und Andre Zelck(Fotos)


Kissen ins Wasser, Kopf in die Höhe. Beim Wellness-Programmpunkt Aquafitness gibt Schwester Andrea den Takt an und lässt ihre Schutzbefohlenen im Schwimmbecken turnen
Sie strampelt in schwarzen Strümpfen am Beckenrand. Sie springt in die Höhe, klatscht in die Hände, grätscht die Beine, wirbelt mit den Armen durch die Luft. Ihr Gesicht glänzt rosig, ihre Augen blitzen gut gelaunt. "Flinker, flinker, flinker, zack, zack!", heizt sie ihre Truppe an, "ich will Wellen sehen." Neun erwachsene Frauen und ein gestandener Mann tanzen nach ihrem fröhlichen Kommando durchs Wasser, schieben die Wellen an, hopsen im Ringelreihen durchs Becken: Aquafitness, ein stinknormaler Programmpunkt in einem ordentlichen Wellness-Hotel. Nur: Die Animateurin turnt nicht im knallengen Body vor, sondern im wadenlangen weißen Gewand, ihr blondes Haar ist unter einer Haube versteckt, und heute nachmittag werden wir vielleicht zusammen den Rosenkranz beten.


Ich schwimme im Kloster. Bei den Dominikanerinnen in Arenberg, hoch über Koblenz, mache ich Wellness mit Gottes Segen. Dem Dienst am Nächsten widmeten sich die frommen Schwestern schon seit der Gründung des Klosters in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie sorgten sich um Jugendliche wie um Alte, gründeten Krankenhäuser weit über die Region hinaus und erweiterten ihr Mutterhaus vor 50 Jahren um ein Kneippkurheim. Ein florierendes Geschäft. Doch in den letzten Jahren stagnierte nicht nur der Nachschub an Nonnen, sondern auch die Nachfrage nach Rückenblitz und Leibauflage. Das Heim wurde unrentabel. "Es musste was passieren. Die Frage war: Wollen wir leben oder sterben?", sagt sachlich, ohne jeden Anflug von Sentimentalität, Schwester Maris Stella, die Priorin des Konvents.

Kissen ins Wasser, Kopf in die Höhe. Beim Wellness-Programmpunkt Aquafitness gibt Schwester Andrea den Takt an und lässt ihre Schutzbefohlenen im Schwimmbecken turnen.
Die Klosterfrauen fanden es zu früh fürs Sterben, und so entschlossen sie sich, nicht einfach nur ein bisschen zu renovieren und Nasszellen zu installieren, sondern die Zimmer gründlich neu zu gestalten, zwischen den sichtbar gebliebenen alten Backsteinmauern einen lichtdurchfluteten neuen Trakt hochzuziehen, neben Kneippguss und Heuwickel Brandungsbad und Bauchtrainer ins Programm zu nehmen und die tätige Nächstenliebe mit Hilfe einer Marketingagentur zu modifizieren. Das antiquierte Kurheim in einen modernen, sacht vom Geist Gottes durchwehten Wohlfühltempel zu verwandeln war ihnen 15 Millionen Euro wert. Aufgebracht ohne Beistand von Kirche oder Staat, ohne jegliche Förderungsmittel, sondern allein durch Immobilienverkäufe und die Gehälter der Nonnen.

Sich mit dem Begriff Wellness anzufreunden ist jedoch nicht jeder der 60 Schwestern im Mutterhaus - Durchschnittsalter 74 - leicht gefallen. Wellness haben sie deshalb für sich mit Wohlfühlen übersetzt, "Erholen, begegnen, heilen" als Leitmotiv gewählt - und Gott nicht aus den Augen verloren. Fernöstliche Riten bleiben draußen. Ihnen halten sie westliche Traditionen entgegen. Statt
Yoga und Zen, Meditation und Rosenkranz. Die ganzheitliche Behandlung von Körper, Geist und Seele ist ihr Credo.

Streng halten die Schwestern an der getrennten Sauna fest.

Der Klosterpark ist groß, umfasst Wiesen und Kräutergärten, Plätze zum Sonnen und zum Nachdenken, Raum genug für meditative Spazirgänge hoch über Koblenz, Rhein und Mosel
Ganz im Sinne der Ganzheitstherapie habe ich meine Tage im gottgefälligen Wechsel zwischen seelischer und
körperlicher Entspannung geplant, was durchaus zu einem voll gespickten Stundenplan führen kann. Um sechs Uhr morgens bereits sitze ich mit 50 Klosterschwestern im Chorgestühl, eine von drei Urlauberinnen, die ein
bisschen hilflos in den Gebetbüchern blättern. "Verhärtet nicht, ihr Herzen." Erst hauche ich noch zaghaft,
horche mich ein in den Wechselgesang der Psalmen, dann lasse ich mich führen vom Gesang der Nonnen,
halte schließlich mit fester Stimme mit.

Um sieben Uhr startet die gemeinschaftliche Morgengymnastik. In Gelassenheit, ohne jeden Fitness-Ehrgeiz
turnen wir im weiten Rund, kreisen mit den Schultern, mit den Hüften, mit den Füßen, breiten langsam, ganz
langsam die Arme aus, dehnen und strecken uns, dribbeln auf der Stelle. Mich durchströmt ein angenehmes
Gefühl körperlicher Ertüchtigung fern von jeglichem sportlichen Stress


Den macht höchstens dem besonders Frommen der Terminplan. Um Punkt acht Uhr beginnt mit Musik und kurzer Besinnung der Tag in der Gästekapelle. Mit diesem Raum aus kargem Sichtbeton haben die Nonnen ihren Neubau gekrönt.

Zwischen Gott und der Welt liegen die Tasten 7 bis -2 auf der Fahrstuhlskala. Bei 7 hält der Lift hoch oben in der
kleinen Kapelle, bei -2 im Klosterkeller, wo man sich abends gesellig Wasser und Wein gönnen kann, bei -1 im Vitalzentrum. So haben die Nonnen ihr Spa getauft und es klösterlich karg und sachlich streng in Beige und Braun kacheln lassen. Der Geist des Pfarrers Kneipp schwebt über den Wassern, so als
könnte Gottes Segen doch nicht so recht über orientalisch verbrämten Rasulbädern, kosmetischen Behandlungen oder goldenen Wannen fürs Bad zu zweit liegen. Streng halten die Schwestern an der getrennten Sauna fest. Vielleicht liegt ihnen auch das Seelenheil der netten unbegleiteten Herren am Herzen, denen man hier häufiger begegnet als in einem Wellness-Hotel. Es kann ein Familienvater auf Erholung sein - oder ein katholischer Priester auf Urlaub und in Zivil.

Ich habe mich für Pfarrer Kneipp entschieden. Gönne meinen Beinen ein Strahlwechselbad. 40 Sekunden umkribbelt heißes Wasser die Waden, dann umsprüht es sie eiskalt. Ein wohliger Schauer kriecht bei jedem Temperaturumschwung durch den ganzen Körper. Allerdings steht keine Nonne mit der Gießkanne parat. Die Beine stecken bis zum Knie in einer im Sekundentakt gesteuerten Sprudelwasserwanne. Kneipp in seiner modernsten Version.

Bei Laudes, Mittagshore und Vesper können Urlauber mit den Nonnen im Chor beten und singen.

Zwei Stunden später bin ich allein unter Nonnen. Bei der Mittagshore im Schwesternchor. Eine mütterlich-resolute Klosterfrau dirigiert mich mit sanftem Stupsen durchs Ritual. Gewisse Grundkenntnisse katholischer Formeln sind bei Chorgebet und Rosenkranz durchaus von Nutzen. Wer nie aus dem Gotteslob sang, muss sich so seltsam fühlen wie bei einer animistischen Beschwörung.

Nach der Religion werde keiner gefragt, betont der weltliche Verwaltungsdirektor. Der Unique Selling Point der klösterlichen Wellness-Anlage ist jedoch die Seelsorge. Und nach ihr wird gefragt. Das merkt Martin Hofmeir, der Theologie studiert hat und auch Psychologie und im Kloster "Gesprächsbegleitung" anbietet. Er hört betrogenen Ehefrauen zu, und er tröstet die Trauernden, um die sich niemand kümmert, weil das Sterben aus dem Leben ausgeklammert ist. Zu Martin Hofmeir kommt, wer unter Einsamkeit oder an Zukunftsangst leidet. Es sind nicht die Alten, die kommen, es sind die Jungen. Ob Gespräch oder Gebet - alles nur ein Angebot. Keinem wird der Kontakt mit der Kirche verordnet.

Keiner darbt in der Zelle, das Kloster hat Komfort und gute Küche

Aus dem weltlichen Angebot habe ich mir für den Nachmittag ein Crystalbad verschrieben. Reine Neugier. Nun bade ich in warmem Wasser, im Duft von Heublumen, in einem Magnetfeld, in Musik und farbigem Licht. Kleine grüne und gelbe Blitze zucken sporadisch auf. Ich bilde mir ein, die Flöten- und Harfenklänge erst im Bauch, dann im Rücken und schließlich bis in Herz und Nieren zu spüren. Ob und wie immer es auch wirken mag, es tut gut. Soll es auch bei 18 Euro.

Die Kosten für die Körperpflege sind moderat, die Pflege der Seele ist all inclusive im Vollpensionspreis ab 72 Euro. Das sind die Selbstkosten. Mit 70 Prozent Auslastung rechnen die Nonnen voll Gottvertrauen - und setzen aufs Internet. Arenberg steht beim Googeln unter dem Stichwort "Kloster und Gesundheit" an vorderster Stelle. Zu Weihnachten und zu Karneval waren die 99 Betten ausgebucht. Die laufenden Ausgaben müssen reinkommen, vor allem die fürs Personal. 75 Mitarbeiter müssen bezahlt werden. Im Vitalzentrum könnten noch mehr Anwendungen verkauft werden, gäbe es mehr Fachkräfte.

Nur acht Nonnen arbeiten mit im gesamten Betrieb. Schwester Angela zum Beispiel sitzt an der Rezeption. Schwester Andrea, gelernte Masseurin und Physiotherapeutin, hat lange Zeit in Krankenhäusern gearbeitet, jetzt ist sie Chefin im Vitalzentrum. Vor Sonnenaufgang läuft sie mit den Gästen durch den Tau, zappelt sich mit ihnen ab bei der Morgengymnastik, massiert mit fester Hand die Rücken, lässt das Wasser in die Wanne. Schwester Wilhelma betreut die Bibliothek: 2500 Bände, mehr als nur heilige Schriften, von Fontane und Thomas Mann bis Konsalik und Paretti.

Schwester Scholastika gehört mit ihren 39 Jahren zu den Jüngsten im Verein. In ihrer sanften, klaren Stimme schwingt noch immer der Klang ihrer Schweizer Heimat mit. Sie kommt aus Rickenbach wie Schwester Cherubine Willimann, die den Arenberger Orden gegründet hat. Schwester Scholastika, die so schnell und lautlos durchs Kloster huscht, als schwebe sie über dem Boden, sieht aus wie eine Studentin, die mehr in die Bücher hinein- als Männern hinterherguckt. In ihrem früheren Leben war sie Grundschullehrerin, jetzt ist sie Seelsorgerin, leitet Kurse, ist für die Besinnung zuständig, hilft beim Meditieren.

Ich sitze im Kreis der Entspannungswilligen gespannt auf meinem Stuhl. Schwester Scholastika kniet auf dem Boden, hat sich nur eine winzige Fußbank unter den Po geschoben. In der Mitte unseres Kreises brennen Teelichter auf einem Wagenrad. Ein byzantinisches Kyrie dringt durch den Raum und in die Seele. "Locker, ganz locker, alles fließt, wir machen uns leer, alles Leere ist offen für Begegnung", nur noch Bruchstücke von Schwester Scholastikas Beschwörungen dringen zu mir vor. Ich habe die Augen geschlossen, döse vor mich hin. "Wir konzentrieren uns auf die Mitte, in unsere Mitte kommt Gott." Meine Gedanken driften in Träume ab, für Leere ist da kein Platz. Immerhin bin ich mehr als 15 Minuten so still gesessen, dass meine Hände eingeschlafen sind.

Ich kehre zurück in die Welt und spaziere durch den weitläufigen Klosterpark. Arenberg ist weder eine mittelalterliche Im Namen der Rose-Trutzburg noch ein alleluja-barockes Juwel, sondern ein krankenhausähnlicher Backsteinzweckbau mit hässlichen Nebengebäuden. Aber die Anlage ist so groß und der Wald so nah, dass man gar keine Lust verspürt, sich von Koblenz oder Bad Ems, vom Rhein oder der Mosel dort unten im Tal ablenken zu lassen. Das Kloster nimmt einen gefangen.

Ich darbe jedoch nicht in einer Zelle, sondern genieße den Komfort eines kühl-elegant möblierten Hotelzimmers mit Schreibtisch, Telefon, Internet- und TV-Anschluss. Ans Kloster erinnert nur das kleine Kreuz an der Wand und die Tatsache, dass am Sonntag, am Tag des Herrn, das Bett nicht gemacht wird. Ich lasse mich fallen in einen weichen weißen Ohrensessel - und in die erholsame Stille. Es geht auch ohne. Ohne Radio, ohne Fernseher und (fast) ohne Zigarette, weil das Rauchen nur in einem kleinen stinkigen Kabuff erlaubt ist. Ruhe strömt durchs ganze Haus. In der hellen, hohen Halle dämpft man die Stimme beim Gespräch, jedes Mal schließe ich die Tür so vorsichtig, als würde ich mich heimlich davonstehlen, ganz automatisch schleiche ich abends auf Zehenspitzen hinauf in mein Zimmer. Da ist kein Platz für Kinder und lärmende Großgruppen. Darum nehmen Mütter hier gern mal eine kleine Auszeit von Familie, Alltagstrubel und Berufsstress.

"Man fühlt sich geborgen vom ersten Augenblick an", stellt beim Abendessen meine Tischnachbarin zufrieden fest. Ich widerspreche nicht, sondern lasse mir noch eine Tasse Kräutertee nachschenken. Im Speisesaal, der trotz fröhlich-frischer Farben und locker verteilten Tischen, ich weiß nicht warum, eben doch nicht wie ein Restaurant wirkt, wird die Gratwanderung der Nonnen zwischen katholischer Bildungsstätte und Verwöhnhotel spürbar. Die Essenszeiten sind fest geregelt wie in einem Kurheim, Frühstück von 7.30 bis 9 Uhr, um 19 Uhr wird das abendliche Buffet geschlossen, sind alle Serviettenmäppchen brav wieder in ihre Fächer zurückgeräumt. Da kommt auch der Koch nicht dagegen an, dessen Frühstücksmüslis und Salate, Lammhaxen und Nudelvariationen mit jedem gehobenen Ferienclub mithalten können.

Vor dem Schlafengehen tauche ich noch einmal ab ins Schwimmbad, ziehe ungestört meine Kreise. Im Fitness-Raum mit all den nagelneuen Geräten zum Training von Rücken und Bauch rackert sich eine junge Frau ab, die modisch schlank und gestylt ist wie ein Model. Am nächsten Morgen sitzt sie in der ersten Reihe der Gästekapelle beim "Impuls in den Tag". Schwester Scholastika liest ganz weltlich aus einem Brief von Anna an Gott vor, predigt, pianissimo-pathetisch, mit ihrer beruhigenden Stimme von der Wahrnehmung mit den Augen, mit dem Herzen. Eine Viertelstunde später stehen 25 Leute im Kreis vor dem Altar und singen im Kanon: "Die Herrlichkeit des Herrn währet ewiglich." Ein bisschen wie Kirchentag in die Jahre gekommen. Aber es klingt gut. Und es ist nicht peinlich. Es sediert. In so einen sanft begonnenen Tag kann keine schlechte Laune dringen.

Es sei die Atmosphäre, sagt die Schöne aus dem Fitness-Raum.
"Genau so was habe ich gesucht."

 

Information:

Anreise:
Mit dem Auto ist Koblenz über die A3 zu erreichen, Ausfahrt Montabaur, dann auf der B49 Richtung Koblenz oder über die A61/A 48, Ausfahrt Bendorf/Neuwied, Richtung Vallendar, Festung Ehrenbreitstein, dann weiter Richtung Niederberg. Mit der Bahn bis Koblenz. Von dort mit dem Taxi oder dem Bus Nr. 9 nach Arenberg

Anwendungen:
Unter anderem Brandungsbad, Crystalbad, Fußreflexzonenmassage, Solarium, Arm- und Fußbäder, Teil- und Vollgüsse, Massagen, Heusack, Fangopackung

Auskunft:
Kloster Arenberg, Cherubine-Willimann-Weg 1, 56077 Koblenz, Tel. 0261/64010, Fax 64013454, www.kloster-arenberg.de
Rheinland-Pfalz Tourismus, Löhrstraße 103-105, 56058 Koblenz, Tel. 0261/915200

 


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