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Ora et labora

Ausgefallene Tagungsorte liegen im Trend - Zunehmend öffnen auch Klöster ihre Pforten


Von BETTINA HAGEN


"Hinter Klostermauern offen für die Welt" lautet die Werbebotschaft des ehemaligen Benediktinerklosters Irsee im Ostallgäu, nördlich von Kaufbeuren. Die barocke Klosteranlage aus dem frühen 18. Jahrhundert ist heute Sitz des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums sowie der Schwabenakademie, die Seminare zu Kunst und Kultur anbietet. Wie viele Klöster hat auch Irsee eine wechselvolle Geschichte: 1802 Auflösung des klösterlichen Betriebs im Zuge der Säkularisierung, bis 1972 Fremdnutzung, zuletzt als Psychiatrie. Dann vom Bezirkstag der Entschluss, ein Tagungs- und Bildungszentrum einzurichten. Die Anlage wurde umfangreich restauriert, modernisiert und mit neuester Technik ausgestattet. Heute
ist Irsee Treffpunkt für Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft,
mit jährlich mehr als 20 000 Übernachtungsgästen. 62 Einzel- und 19 Doppelzimmer bietet das Kloster, zusätzlich zwölf Tagungsräume, vom Besprechungszimmer bis hin zum Festsaal, mit Platz für 200 Gäste. Vor allem Unternehmen nutzen das Angebot, aber auch wissenschaftliche Einrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft. "Wir haben eine
unverwechselbare Identität", erklärt Direktor Rainer Jehl, "und sind eine
attraktive Alternative zur Einheitsarchitektur der Tagungshotels".

Weitaus spartanischer angelegt ist die Kloster- und Tagungsstätte Germerode, zwischen Kassel und Eschwege im Werra-Meißner-Kreis. Die "Gesellschaft zur Erhaltung der Klosteranlage Germerode e. V." erwarb
Anfang der achtziger Jahre Teile der mittelalterlichen Anlage und rettete
sie vor dem Verfall.Die Gebäude rund um die romanische Klosterkirche wurden grundlegend modernisiert. Im ehemaligen "Pächterhaus" entstand eine Tagungsstätte mit verschiedenen Gruppenräumen und insgesamt 23 Betten.Die Einfachheit des alten Klosters kommt an.

Architektur, die zur Besinnung und zu neuen Gedanken einlädt: Klöster als Tagungs und Kongressorte werden immer beliebter
Dieses Jahr ist die Tagungsstätte komplett ausgebucht, und auch 2005 sind nur noch wenige Termine frei. "Die klösterliche Atmosphäre liegt im Trend der Zeit", meint Hans G. Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft. "Unsere Gäste möchten der Alltagshektik entfliehen und suchen die Abgeschiedenheit". Zurzeit steht das Kloster nur kirchlichen und karitativen Gruppen offen. Aber das wird sich zukünftig ändern, sagt Ludwig. Doch nicht nur stillgelegte Klöster öffnen sich. Am aktiven Klosterleben können Besucher bei den Dominikanerinnen im Kloster Arenberg in Koblenz teilnehmen. Gäste sind eingeladen, die heilige Messe zu besuchen und an den Stundengebeten der Schwestern teilzunehmen. Jeden Morgen um acht Uhr stimmt der "Morgenimpuls", eine 15-minütige Lesung, Musik oder Meditation, auf den Tag ein. Auf Wunsch können mit Seelsorgern persönliche Gespräche geführt werden.

Aber es gibt nicht nur Spirituelles im Kloster. Der neu errichtete Besuchertrakt bietet ein komplettes Wellness-Zentrum mit Schwimmbad, Sauna und Solarium. Ganz im Sinne von Pfarrer Kneipp kann man dort Wassertreten oder Massagen und Gymnastikkurse buchen. Aber immer steht Ruhe und Einkehr im Vordergrund. "Deshalb verstehen wir uns auch nicht als reines Tagungshaus", sagt Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau. Gruppen mit mehr als 20 Personen werden nur ungern angenommen, trotz moderner Tagungstechnik und entsprechenden Räumlichkeiten. Dabei ist das Angebot gerade bei Unternehmen beliebt. "Viele Vorstände gehen bei uns in Klausur", erzählt Grunau, "leider arbeiten sie meist so intensiv, dass sie unser Angebot nicht wahrnehmen können."

Direkt an der Neiße, im Drei-Länder-Eck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien liegt das Zisterzienserkloster St. Marienthal. 1243 erstmals urkundlich erwähnt, brannte es 1683 völlig ab und wurde im Stil des böhmischen Barock wieder aufgebaut. Zur Anlage gehören heute Klosterkirche, Abtei, Propstei, Gästehaus und Wirtschaftgebäude. 1992 gründeten die Ordensschwestern das Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal. 151 Betten, verschiedene Seminar- und Gruppenarbeitsräume mit technischer Ausstattung und ein Vortragsraum für maximal 250 Personen sind in den denkmalgeschützten Räumen untergebracht. Hat das Kloster einen Standortnachteil? "Eigentlich nicht", sagt Priorin Schwester Hildegard, "wir haben nicht nur Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet, sondern auch aus den Nachbarländern." Und was unterscheidet St. Marienthal von anderen Anbietern? "Wir sind kein Hotel, sondern ein lebendiges Kloster."


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