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Tagen und Beten

Sie sind Orte der Stille, der Spiritualität und der Besinnung: Klöster liegen im Trend. Und sie sind Kontrastprogramm zur Krise. Gerade für Tagungen und Manager-Auszeiten gewinnen die Orden an Beliebtheit

Text: Oliver Graue


 



 

 

 


Früher war die Sache simpel: Wer sich in seinem Leben gut und gottesfürchtig verhielt, der kam in den Himmel. Ganz  so einfach scheint das heutzutage nicht mehr zu sein. „Dass man einen elektronischen Code benötigt, um durch die Himmelspforte zu gelangen, dass hätte ich
Nicht erwartet“, schmunzelt Albrecht Steinecke, Professor an der Universität Paderborn, und hält einen Zettel mit sechs Zahlen hoch. Diesen Code bekommt, wer im einstigen Zisterzienserinnen Kloster Würzburg Tagungsgast ist - so wie Steinecke. Denn auch Himmelspforten wie der als Exerzitienhaus der Diözese genutzte Bau heut heißt, muss sieh vor Eindringlingen schützen.
Zumindest vor solchen, die nichts Gutes im Schilde führen Denn eigentlich gilt genau das
Gegenteil. „Klöster sind traditionell Gäste gewohnt" erläutert Benediktinermönch Dieter Haite auf einer Konferenz der Bensberger Thomas-Morus-Akademie. „Gastfreundschaft ist eines unserer Hauptprinzipien. Jeder Klosterbesucher genießt ein hohes Ansehen." Und über mangelnde Resonanz kann Haite, der das Stadtkloster Cella Sankt Benedikt in Hannover leitet, nicht klagen. Allein im Klausurbereich begrüßt er jährlich 650 Besucher. „Die meisten von ihnen suchen nach einer Gelegenheit zum Rückzug, wollen eine Auszeit nehmen", berichtet er. „Immer wieder hören wir von unseren Gästen, dass bei uns, wie sie es ausdrücken, so eine andere Atmosphäre herrscht."
Eine, die offenbar wohltut. Denn Klöster liegen im Trend. Nicht nur Touristen haben die altehrwürdigen Stätten für sich entdeckt, sondern auch Unternehmen wählen diese immer häufiger als Tagungs-Location. „Man findet hier ein ganz besonderes Ambiente", sagt der Travel Manager eines Autokonzerns: „Die Atmosphäre der Ruhe und Spiritualität macht Meetings zu einem ungewöhnlichen Erlebnis."

Tagen auf höchster Ebene

Und es scheint die Konzentration und den Einfallsreichtum der Teilnehmer zu fördern. Über die genaue Zahl der Tagungen, die in Deutschland in Klöstern abgehalten werden, gibt es zwar keine Angaben, doch die Klöster selbst berichten von einem zunehmenden Interesse der Firmenkunden: an Tagungen ebenso wie an Auszeiten für ihr gestresstes Führungspersonal.
„Unser Leitmotiv lautet: Tagungen auf höchster Ebene mit benediktinischer Gastfreundschaft", wirbt Elke Zeitler, Tagungs-Managerin des Klosters Andechs, augenzwinkernd. Als „Ort der Begegnung und Orientierung, der wir schon immer waren", bietet das Kloster Meeting-Räume in seinem barocken Fürstentrakt und im rustikalen Florian-Stall, einst als Heu-Stall und Schweinestall genutzt. Zehn bis 700 Teilnehmer haben Platz, die Technik entspricht modernsten Bedürfnissen. Und Firmenkunden, die eh schon mal am Heiligen Berg sind, verbinden ihre -Konferenz gern mit einer Brauerei- oder Brennereiführung - samt anschließender Verkostung natürlich.

Andechs steht mit seinem Angebot nicht allein. Auch die Erzabtei St. Ottilien will „noch mehr profane Tagungen aufnehmen, weil die Nachfrage nach religiösen Angeboten wegen der heutigen Glaubenssituation zurückgeht" betont Pater Claudius Bals, Leiter des Exerzitienhauses. Service und Freundlichkeit der Benediktiner sind groß. Bereits heute kommen etliche  Unternehmen, 60 Universitäten und die Bundeswehr ins bayerische St. Ottilien.
Die Benediktinerabtei Plankstetten richtete vor 18 Jahren in ihrer einstigen Schule ein Gästehaus ein. Über 12.000 Menschen übernachten jährlich in den 52 Zimmern. Zu denen, die immer wieder in die seit 875 Jahren von Mönchen bewohnte Stätte kommen, zählen der Autokonzern Audi und die Vereinigung Bioland. Die „herrliche Landschaft des Altmühltals" lockt nach den Worten der Gästehausleiterin Schwester Conrada Aigner ebenso wie der spirituelle Hintergrund, die jahrhundertealte Wirtschaftsweise der Mönche und die „Erfahrung der Einfachheit": In den Zimmern gibt es weder Telefon noch Fernsehen oder Internet.
Auszeit - dann zurück ins Leben.
Das bei Hannover gelegene evangelische Kloster Loccum ist noch wegen eines anderen Angebots bekannt: Unter der Bezeichnung Führungskräfte-Retraite verabschieden sich Manager für einige Zeit aus dem Alltag. „Auszeit im Kloster und dann zurück ins Leben" nennt Pastor Ralf Reuter diese Art der Seelsorge, die er mit seinem Kollegen Peer-Detlev Schladebusch leitet. „Spiritual Consulting", so der korrekte Name, hat Konjunktur. Gerade jetzt in der Krise. „Ich will mein Schiff wieder in Fahrt bringen, j das persönliche wie das der Firma": So begründen Führungskräfte ihre Teilnahme am Retraite in Loccum.

Neben persönlichen Gesprächen gehören Gebete und Gottesdienste zum Pro- gramm, vor allem jedoch der sehr geregelte und einheitliche Tagesablauf im Kloster.
„Kloster ist für viele Menschen das Kontrastprogramm zur Krise" hat Christoph Melchers, Chef des Kölner ifm-Meinungsforschungsinstituts, bei seinen Befragungen herausgefunden. „Statt des ständigen Hin- und Hergehüpfes im Alltag verspricht es Ruhe. Und anstelle des Drangs nach den immer neusten Produkten setzt es auf bewährte Werte" erläutert er auf der Konferenz der Thomas-Morus-Akademie. Sein Fazit: „Ein Klosterbesuch gilt als Ticket für die Arche Noah. Die Menschen wollen die Krise überschwimmen." Und für die Orden selbst ist der Zuspruch ein Glücksfall: „Auf ihrem Sterbebett werden die Klöster zum Trend" sagt Melchers. „Für viele von ihnen war es längst zwei Minuten vor zwölf."

Für Unternehmen, Manager und normale Urlauber gilt gleichermaßen: „Wer einmal im Kloster war, der kommt wieder", sagt Susanne Leder. Tagungen mit der Firma sind oftmals Appetitanreger für spätere private Besuche - und umgekehrt. Leder, die als Touristikerin zuständig ist fürs Wander-Marketing der Region Müllerthal, Luxemburg, Echternach, macht ein wahres Kloster-Hopping aus. „Hier entsteht der Gegentrend zu unserer komplexen Welt, zur ständigen Erreichbarkeit per E-Mail und Handy und zur scheinbar zunehmenden Zeitnot", diagnostiziert Leder.
„Die Menschen wollen nach innen reisen und etwas für ihre Seele tun. Sie suchen sich selbst." Denn: „Den Computer können wir herunterfahren - unseren eigenen Kopf aber häufig nicht."

Die neue Langsamkeit

Stille und Spiritualität statt Stress und Burn-out: Die deutschen Orden stellen sich ein auf die „neue Langsamkeit". Zwar wollen sie mit ihren Angeboten für Meetings, Incentives und Auszeiten keinen Gewinn machen. Das Tagungssegment ist für manche Häuser jedoch ein Weg, um die dringend benötigten Finanzmittel für den Klosterbetrieb aufzubringen.
Und da sind schon mal ungewöhnliche Einfälle gefragt. So zum Beispiel in Arenberg, das sich den Ruf als Wellness-Kloster erworben hat. Noch bis 2001 lief das Gästehaus des Koblenzer Ordens „hochdefizitär" erzählt Geschäftsführer Bernhard Grünau. Seitdem es eine Verbindung aus „zeitgemäßer Interpretation der Kneippschen Lehren" und christlicher Meditation anbietet, kommt das Dominikanerinnen-Kloster mit gut 27.000 Übernachtungen pro Jahr auf „eine schwarze Null." Auch deshalb, weil der Orden modernes Suchmaschinen-Marketing betreibt.
„Wer bei Google die Begriffe Wellness und Besinnung eingibt, der landet bei uns" sagt Grünau. Weltlich zeigt sich der Orden trotz seiner vielfältigen Angebote allerdings nicht: „Wo Kloster draufsteht, ist auch Kloster drin", betont Grünau: „König ist bei uns Christus."
Ora et labora, bete und arbeite: „Der wohltuende Rhythmus der Gebetszeiten und die Gebete der Mönche sind wie Zeitinseln, auf die wir unsere Gäste zum Innehalten einladen", sagt Schwester Conrada Aigner vom Kloster Plankstetten. Eine für Tagungen fruchtbare Atmosphäre.
Und wer will, kann sein Meeting durch einen spirituellen Vortrag des jeweiligen Konvents anreichern lassen. Bei den Preisen unterbieten die  Klöster  so manches profane Angebot. Einzelzimmer samt Vollpension liegen meist bei 50 bis 60 Euro.

Seelische Wellness im Trend.

Weltlicher sehen all dies naturgemäß die Touristiker. Christian Antz, Referatsleiter im Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt, setzt in seinem Bundesland auf religiöse Angebote wie Pilgern und Klöster. „Seelische Wellness ist das kommende Thema", zeigt Antz sich überzeugt. Er versucht, Kirchen und Klöster mit Wandervereinen und Hotels zusammenzubringen – was wegen so mancher Berührungsängste nicht immer einfach ist. „Doch nur gemeinsam können wir das Potenzial erschließen", sagt Antz. Um den 370 Kilometer langen anhaltinischen Abschnitt des St.-Jakobus-Pilgerwegs populär zu machen, an dem immerhin 22 Klöster und Kirchen zu besichtigen sind, hat sich bereits die St.-Jakobus-Gesellschaft Sachsen-Anhalt gegründet. Antz' Ziel ist es, dass sich weitere am Weg liegende geistliche Stationen dem Wanderer öffnen.
Selbst um Einrichtungen wie den Europa-Park Rust - eigentlich Vergnügung par excellence - macht Religion keinen Bogen.
Direkt neben der Mega-Achterbahn Blue Fire befindet sich das Klosterhotel Santa Isabel. Andreas Wilhelm, der dort als Seelsorger tätig ist, sieht darin keinen Widerspruch. „Ich bin erstaunt, wie sich die Menschen öffnen, die zu uns kommen", berichtet er, der das alles andere als geistliche Umfeld anfangs eher kritisch gesehen hatte.

Glauben im Vergnügungspark

Geschmacklosigkeiten wie eine als Altar gestaltete Rezeption wendete er immerhin ab, und ein Beichtstuhl, in den ein Bankomat eingebaut war, verschwanden auf sein Betreiben. Heute ist Wilhelm überzeugt: „Wir gehen dorthin, wo die Menschen wirklich sind." Worte, denen der Benediktinermönch Haite zustimmt: Sein Stadtkloster in Hannover hat er bewusst in einer säkuralisierten Umgebung eröffnet. Mit Erfolg:
„Wo Glauben tatsächlich gelebt wird, zieht es immer mehr Menschen hin", sagt er. Und sei es nur mal für eine Tagung.

 


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