| 
Wer
genießt, wird selig
Mit Aromamassage und Nordic Walking aus
den roten Zahlen: Die Dominikanerinnen vom Kloster Arenberg
auf der Suche nach neuen Einnahmequellen
von
Petra Kistler
Fotos:
Kloster Arenberg / Perta Kistler
|

Ferien für Körper und Geist: Schwester
Irmingard im Kräutergarten. |

Kloster Arenberg |

Rückrat stärken; Schwester Andrea, gelernte
Physiotherapeutin und Masseurin, turnt mit den Gästen
und massiert mit fester Hand. |
|
Zwischen
Gott und der Welt liegen neun Stationen: Bei 7 hält
der Fahrstuhl hoch oben in der kleinen Kapelle, bei
-2 im Klosterkeller, wo reichlich Riesling und Rotwein
stehen, -l bringt den Gast ins Vitalzentrum. So haben
die Dominikanerinnen vom Arenberg ihre Wohlfühlabteilung
genannt, in der himmlisch massiert und weltlich sauniert
wird. Körperliche Ertüchtigung und seelische
Entspannung im Kloster? Auf den Hügeln über
Koblenz beginnt der Ferientag mit dem Morgenlauf im
Park und endet im klostereigenen Schwimmbad oder mit
der Vesper im Schwesternchor.
Dem Dienst am Nächsten widmen sich die Schwestern
seit der Gründung des Klosters in der Mitte des
19. Jahrhunderts. Sie kümmerten sich um Waisen
und Greise, gründeten Krankenhäuser und Helme,
erweiterten ihr Mutterhaus vor 50 Jahren um ein Kneippkurheim.
Die Gäste alterten mit den Schwestern. Die Krankenkassen
zahlten immer weniger Kuren, die Anlagen waren nicht
mehr zeitgemäß, das Sanatorium wurde unrentabel.
Im Jahr 2000 mussten sich die frommen Frauen entscheiden:
Untergang verwalten oder Zukunft gestalten?
Die Klosterfrauen fanden es zu früh zum Schließen,
und so entschlossen sie sich, nicht nur ein bisschen
zu renovieren und einige Duschen einzubauen, sondern
einen Neuanfang zu wagen: Gut 15 Millionen Euro, ein
Großteil der Rücklagen, flossen die Renovierung
des trutzigen Backsteingemäuers
und In das neue Vitalzentrum, das im Sommer 2003 auf
dem Arenberg eröffnet wurde. Das Geld hatte sich
in Jahrzehnten angesammelt durch Mitgiften und Grundstücksverkäufe,
wurde aber vor allem erarbeitet durch Generationen von
Arenberger Schwestern in Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Jetzt stecken die Millionen in einem gläsernen
Zwischentrakt, in 79 Einzel- und Doppelzimmern, in chromblitzenden
Bauchtrainern und gelenkschonenden Laufbändern,
in einem nagelneuen Bewegungsbad und der ansehnlichen
Sauna. Mit Aromamassage, Brandungsbad, Heusack und Heißluft-Behandlungen
ist das Vitalzentrum ausgerichtet auf den gestressten
Gast mit gehobenem Anspruch. „Wellness-Kloster“,
den Begriff hören die Ordensschwestern zwar nicht
gern, aber er kommt an bei den Gästen.
Das Wohlfühlangebot aus Morgenandacht und Massage,
Relaxen und Rosenkranz war im Orden nicht unumstritten.
Warum dem Zeitgeist anpassen? Nicht nur die älteren
Schwestern fürchteten, dass ein Verwöhnhotel
mit einer klösterlichen Gemeinschaft nur schwer
zu vereinbaren ist.
|
Und
sollten sich die Dominikanerinnen nicht vor allem um Arme und
Kranke kümmern? Viele Monate wurde diskutiert, dann waren
die Schwestern überzeugt.
Wir wollten unserem Haus noch mal eine Zukunft geben und den
Menschen mit den Nöten von heute ein ganzheitliches Angebot
machen“, sagt Schwester Scholastika (40) und schwärmt
von den Lebensweisheiten des Pfarrers Kneipp. Die fröhliche
Schweizerin ist eine der treibenden Kräfte der neuen Richtung.
Die ganzheitliche Behandlung von Körper und Seele ist ihr
Anliegen. „Wo die Seele krank ist, wird auch der Körper
krank“, sagt sie mit warmer weicher Stimme, in der immer
noch der Klang der Luzerner Heimat mitschwingt und zählt
auf, was die
Gäste umtreibt: „Orientierungslosigkeit, Gottesverlust,
Sinnkrise, Lebensängste“.
In ihrem früheren Leben arbeitete sie als Grundschullehrerin,
jetzt ist Schwester Scholastika Seelsorgerin, hilft beim Meditieren,
bildet die einzige Postulantin, den Klosterneuling, aus. Wie
viel Weltlichkeit, wie viel Luxus darf im Kloster sein? „Bei
uns geht es nicht um Muskelstraffung und äußerliche
Schönheit“, sagt sie, „Wellness heißt
wohlfühlen.“ Gern zitiert sie die Mystikerin und
Kirchenrechtlerin Teresa von Avila: „Tu deinem Leib Gutes,
damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“
Gäste sollen nicht fehlen, hatte im sechsten Jahrhundert
der heilige Benedikt, Gründer des Benediktinerordens und
Vater des abendländischen Mönchtums, seinen Jüngern
nahe gelegt. Heute heißen Ordensbrüder und Ordensschwestern
in knapp 300 deutschen Klöstern die Fremden willkommen
- als zahlende Gäste. Doch so weit wie die Schwestern von
Arenberg ging keine Ordensgemeinschaft: Wer Ausspannen will,
findet jede Menge Komfort und stets fröhliche Gastgeberinnen.
Und so lästerten Spötter bereits über den ersten
Club Med des Christentums.
Die Schwestern sprechen lieber vom „Erholen, Begegnen,
Heilen“. Treu diesem Motto werden Wochen zum „Biken
& Beten“ angeboten, heißt es „Schick den
Stress in die Wüste“, werden Kräuterwochen und
Fastenkuren zusammengestellt. Nach der Konfession wird übrigens
kein Gast gefragt. ‚Jeder Gast, gleich welchen Glaubens
und welcher Lebenssituation, soll sich in seinem Suchen und
Fragen, in seinen Hoffnungen und Ängsten verstanden, angenommen
und aufgenommen fühlen“, steht Im 13 Seiten starken
Leitbild des Klosters.
Der Anfang war nicht leicht. „Wenn dies nur mal gut geht:
Hoffentlich kommen genug Gäste“, erzählt Gästeschwester
Annuntiata (66) von Ängsten und Bedenken der Schwestern.
Die quirlige Rheinländerin ("Ich bin Schwester Nichtsnutzia
von der immer währenden Hilfe“), die schon mal mit
dem Rosenkranz an den Türklinke hängen bleibt, ist
beruhigt. Die Auslastung liegt bei 70 Prozent, die Gäste
sind voll des Lobes. „Hat Leib und Seele gut getan“,
schreiben sie ins Gästebuch. Oder zitieren Heinrich Zille:
„Wie herrlich ist es nichts zu tun, und dann vom Nichtstun
auszurühen“.
Gäste gibt es reichlich. Doch dem Kloster fehlt es an Nachwuchs.
Die Zeiten, als sich bis zu 700 ‚Schwestern der Gemeinschaft
in 42 Niederlassungen zwischen Koblenz und Berlin um Arme, Kranke
und Behinderte kümmerten, sind längst vorbei. Heute
leben noch 220 Schwestern in der Ordensgemeinschaft, 65 davon
im Mutterhaus. Das Durchschnittsalter liegt bei 73 Jahren, gerade
mal sechs Ordensfrauen sind jünger als 50, die Älteste
ist 96.
Schwester Andrea ist mit 44 eine der Jüngsten. Die gelernte
Masseurin und
Physiotherapeutin hat 20 Jahre in Krankenhäusern gearbeitet,
jetzt leitet sie das
Vitalzentrum. Sie bringt den Gästen das Nordic Walking
bei, läuft bei Sonnenaufgang durch den Morgentau, leitet
im weißen knöchellangen Habit die Aquafitness. Ihre
Mitschwester Josefa (46) hat 20 Jahre einen Kindergarten geführt,
dann ließ sie sich zur Gesundheitspädagogin ausbilden,
heute leitet sie die Kräuterei. „In ein Kloster gehört
ein Kräutergarten“, sagt Schwester Josefa und lässt
die Besucher an Ananassalbei und Zitronenminze riechen, zeigt
Färberkrapp, Blaue Mulke, Ysop, Eisenhut und schwärmt
von neuen Teemischungen. Schwester Wilhelmabetreut die Bibliothek,
in der religiöse Schriften und Kriminalromane stehen, Schwester
Angelina sitzt am Empfang hinterm Rechner, Schwester Marina
verkauft im Klosterladen. Der Tag der Schwestern beginnt um
fünf Uhr, bevor sie sich gegen 23 Uhr in ihren bescheidenen
Zimmern schlafen legen, haben sie mindestens sechsmal gebetet.
Auch sie brauchen Stille und Besinnung, benötigen Zeit
ifir die Gemeinschaft. Die ist nicht leicht zu finden. Doch
die Klausur, der Lebensbereich der Schwestern, ist für
die Gäste tabu.
Der
Nachwuchsmangel bringt den Orden ganz weltliche Probleme: Die
jahrzehntelang ordensgeleiteten Heime, Hospitäler und Hospize
werden zu Wirtschaftsbetrieben, die immer mehr weltliche Angestellte
beschäftigen und sich damit den ~3esetzen des Marktes stellen
müssen. „Es ist ein ständiger Spagat“,
beschreibt Schwester Scholastika das Geschäft zwischen
karitativem Anspruch und kommerziellen Notwendigkeiten. Reiki,
Ayurveda oder Kosmetikbehandlungen wird es auch künftig
im Kloster nicht geben.
Der Kostendruck ist groß. „60 Prozent Personalkosten“,
rechnet Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau vor. Der ehemalige
Berufsoffizier und Betriebswirt ist 1999 von den Schwestern
als Verwaltungsdirektor geholt worden. Sein Ziel: die schwarze
Null. Gewinn muss und will das Gästehaus nicht erwirtschaften.
Der Betrieb ist gemeinnützig, Überschüsse dürfen
nicht aufgehäuft, sondern müssen rasch investiert
werden. Die Preise für Unterbringung und Behandlungen sind
moderat, abgerechnet wird zum Selbstkostenpreis. Noch muss die
Ordensgemeinschaft den Betrieb unterstützten, in zwei,
drei Jahren wird sich die klösterliche Wellness Anlage
selbst tragen müssen.
Wellness und kein Ende? Der geistige Beistand ist das Besondere
an diesem Wohlfühlfort. „Es gibt einen großen
Hunger nach Heilendem“, sagt Martin Hofmeir, ein studierter
Theologe und Psychologe, der im Kloster Gesprächsbegleitung
anbietet. Er hört trauernden und betrogenen Ehefrauen zu,
berät bei Konflikten in Beruf und Partnerschaft, leitet
die Exerzitiengespräche und Partnerschaftsseminare. Es
sind die Jungen, die zu ihm kommen. „Der einzelne Gast
steht bei uns im Vordergrund“, sagt Hofmeir. „doch
wer ein Gourmet-Restaurant oder exotische Wellenessbehandlungen
sucht, ist vielleicht enttäuscht.“ Fasziniert ist,
wer Stille sucht, Gesprächspartnerinnen, die Zeit haben.
Urlaub in Gottes heiterer Enklave hat Zukunft. Doch was wird
mit dem Leben im Kloster? „Ich weiß nicht, was in
zehn Jahren ist“, sagt Schwester Scholastika und wirkt
dabei ganz gelassen und fröhlich. „Vielleicht sind
in zehn Jahren die Klöster verkauft, vielleicht wohnen
wir zur Miete, vielleicht gehen wir zur Arbeit. Wir müssen
loslassen — und uns auf das Wesentliche besinnen.“
Sorgen macht dies ihr nicht. „Scheitern gehört dazu“,
sagt sie. „Gott ist unbegreiflich.“ Lacht - und
eilt zum nächsten Termin.
|