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Wenn
es auf dem Weg zur Erleuchtung Stufen gäbe,
säße ich ganz unten im Keller. Dabei
ist der Meditationsraum so himmelsnah gelegen wie
nur möglich, nämlich im Dachgeschoss.
Zu zwölft bilden neun Frauen und drei Männer
einen Kreis auf dem rasengrünen Teppich; in
der Mitte eine Kerze, eine Schlingpflanze, eine
Keramikskulptur aus drei Figuren, die ebenfalls
im Kreis sitzen. Ich atme. Ich denke an nichts.
Ich bin ein leeres Gefäß, das gefüllt
werden soll. Mit Gott.
Also, nicht zwingend mit Gott, obwohl sich diese
Veranstaltung «christliche Meditation»
nennt. Gott ist nur ein Vorschlag des Meditationsleiters,
des Theologen und Psychologen Martin Hofmeir, genauso
wie man nicht unbedingt auf «Jesus —Christus»
ausatmen muss. Aber man könnte. Schließlich
befinden wir uns hier in einem Kloster, und dieses
Ritual ist beinahe 2000 Jahre alt. Das «Herzensgebet»,
jeweils von Montag bis Freitag, immer halb fünf
bis fünf Uhr.
Wahrscheinlich würde es mir leichter fallen,
mich auf das Wort Omm zu konzentrieren, aber: «Wir
besinnen uns im Kloster Arenberg auf die Schätze
des Christentums», hatte Schwester Andrea
tags zuvor gesagt, «wir unterstützen
keine asiatischen Ideologien, sondern stellen ihnen
unsere christliche entgegen.» An dieses Gespräch
denke ich, obwohl ich während der Meditation
an nichts denken sollte.
Gestern also hat mich die Schwester im hauseigenen
Vitalzentrum so gründlich mit belebendem Orangen-Zitronen
Öl durchgeknetet, dass mir hinterher nur noch
eine einzige Frage einfällt: Wie kommt es,
dass eine Nonne massieren kann? Schwester Andrea
erzählt, wie sie vor anderthalb Jahren in dieses
Kloster wechselte und durch ihre Arbeit in einem
Spital bereits eine Ausbildung in Massage, Physiotherapie
und Seelsorge mitbrachte. «Was für ein
glücklicher Zufall», sage ich, und sie
lächelt breit und gütig und antwortet,
dass man es natürlich auch so nennen könne,
sie sage dazu lieber «Gottes Fügung».
Schwester Andrea führt mich durch ihr Reich
im Untergeschoss des Klosters Arenberg: mehrere
Behandlungsräume mit Massageliegen, ein Solarium,
Kneippbäder und -tretbecken, ein Massagebrandungsbad,
das Crystalbad mit Schall-, Licht- und Magnetfeldtherapie,
ein Gymnastikraum mit Fitnessgeräten, wo Wirbelsäulen-Gymnastik
und Bauch/Beine/Po-Trainings stattfinden, ein Schwimmbad
mit Strömung und Aquafit-Lektionen, eine finnische
Großraumsauna samt Garten und Ruhezimmer (und
mit getrennten Benutzungszeiten für Frauen,
Männer und Ehepaare). Pro Tag behandeln die
Schwester und ihre zehn weltlichen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter hier unten gegen fünfzig Gäste,
am beliebtesten sind die Massagen.
Gern würde man das in eine knackige Formel
packen: die Wellness-Nonne im Spa-Kloster etwa.
Aber Schwester Andrea verdreht die Augen. Bitte
nicht. Weil Wellness meist mit Schönheit und
Luxus gleichgesetzt werde. Und genau darum gehe
es nicht im Kloster Arenberg. Das einzige kosmetische
Angebot sei die Fußpflege, und die sei ja
eher medizinisch. Gesichtsbehandlungen, Körperpeelings,
Anti-Aging? Erratum. Ins Programm kommen nur Angebote,
die nachweislich gesund sind. «Ich könnte
leben mit dem Begriff Weliness »‚ sagt
Schwester Andrea, «wenn man Weliness nicht
nur auf den Körper reduziert, sondern als Einheit
von
Geist,
Seele und Leib betrachtet. Vielleicht ist genau
dies unsere Aufgabe hier auf der Welt: Die Menschen,
die sich über den Leib berühren lassen,
auch in der Seele zu berühren. »
Es komme häufig vor, sagt Schwester Andrea,
dass Gäste während der Massage in Tränen
ausbrechen, weil etwas tief in ihnen drin ausgelöst
werde. Und das könne man hier auch auffangen.
Weil man ja sozusagen eine Kernkompetenz in Seelsorge
mitbringe. Jeder Gast kann ein solches Gespräch
in Anspruch nehmen. Wenn er dies wünscht. Missioniert
wird nämlich nicht: «Wir wollen hier
niemanden angeln.»
Zum Schluss des Rundgangs stehen wir im Ruheraum
des Vitalzentrums, der geschmückt ist mit orangen
Bildern, mit Sand und
Muscheln. «Mein Steckenpferd», sagt
Schwester Andrea, «ich habe alles nach Feng
Shui ausgerichtet.» Feng Shui als Schatz des
Christentums? «Nunja. Ich glaube auch an die
chinesische Medizin, und es gibt hier sogar Angebote
in Qi Gong und Shiatsu. Wir halten es eben mit Paulus:
Alles prüfen und das Gute bewahren.»
Das alles fällt mir ein, während ich im
Meditationsraum sitze und versuche, ein leeres Gefliss
zu sein. Stattdessen füllt sich mein Geist
schon wieder mit neuen Gedanken, ein Gleichnis,
das mir eine andere Schwester am Nachmittag im Klostergarten
erzählt hatte. «Wenn man im Wald spazieren
geht», sagte sie, «und plötz..
lich ein umgefallener Baumstamm den Weg versperrt,
gibt es drei Möglichkeiten: Man kann sich ärgern.
Man kann sich auf den Baumstamm setzen und den Moment
geniessen. Oder man kann sich einen neuen Weg suchen.»
Ein schönes Bild für die neuere Geschichte
des Klosters Arenberg. Denn am Anfang war die Not.
Das Kloster, gegründet Mitte des 19.Jahrhun-derts,
war bereits seit 1954 ein Kneippsanatorium, das
von den Schwestern betrieben wurde und Jahr für
Jahr höhere Verluste schrieb. Das lag einerseits
daran, dass die Stammgäste langsam wegstarben
und keine neuen den Weg ins mittelrheinische Koblenz
fanden. Andererseits wurden die Schwestern immer
älter, und der Nachwuchs fehlte. Also musste
man immer mehr Personal einstellen, das bezahlt
sein wollte. Und zwar nicht einen Mitarbeiter für
eine Schwester, sondern eineinhalb Mitarbeiter für
eine Schwester - schließlich kannten die Nonnen
keinen Feierabend und keine 35-Stunden-Woche. So
fragten sich die Arenberger Dominikanerinnen am
Generalkapitel im Jahre des Herrn 2001 mit einem
richtig schönen Slogan: Zukunft gestalten oder
Untergang verwalten? Und beschlossen, in die Zukunft
zu investieren.
Zwei
Jahre und rund 23 Millionen Franken später
eröffnete das erste «Wellness-Kloster»
Europas, mit neuem Gästehaus und modernen,
schlichten Zimmern, einer Gästekapelle und
dem Vitalzentrum.
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Beinahe
alle der jungen Schwestern sind in das Projekt eingebunden,
wobei «jung» hier die Gruppe der unter 70-jährigen
Nonnen bezeichnet. Jede bringt ein, was sie am besten
kann: Neben der «Wellness— Schwester»
Andrea gibt es eine Bibliotheksschwester, eine Hausleitungsschwester,
zwei Kräutergartenschwestern, zwei Küchenschwestern,
eine Klosterladenschwester, die Seelsorgeschwestern, die
Gästebetreuungsschwester, dazu achtzig Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter. Und das Wunder geschah: Über siebzig
Prozent Auslastung hat das Kloster Arenberg heute, eine
Zahl, für die viele Wellnesshotels nur beten können.
Klosterbetrieb und Gästehaus befruchten sich gegenseitig.
Die Gäste dürfen im Klostergarten mithelfen
beim Zupfen der Ringeiblumen für Salben oder beim
Entstielen des Johanniskrauts. Sie sind willkommen bei
den Messen oder Stundengebeten der Schwestern. Sie gehen
auf Wanderexerzitien mit Theologe Hofmeir schweigend durch
den Wald. Sie können jeden Morgen nach dem Tautreten
und einer halben Stunde Walking den «Impulsen in
den Tag» lauschen, kurze Andachten unter riesigen
Baumkronen. Oder in Spezialwochen «Stress bewältigen»,
meditative Schreibseminare besuchen, meditativen Tanz
erlernen oder meditative
Mandala malen, «meditative» «Mandala»
«malen » - Meditative — Mandala - malen
- meditative ... Mandala
Ein heller Gong holt meinen Geist zurück ins Dachgeschoss.
Mir scheint, als seien kaum fünf Minuten vergangen,
obwohl ich zu Beginn noch befürchtet hatte, dass
ich mich in dieser halben Stunde Meditation fürchterlich
langweilen würde. Ein bisschen weltentrückt
begegne ich in der Lobby anderen Gästen, die meisten
um die fünfzig, aber auch einige Dreißigjährige.
Und Nonnen, die nicht in diesem Kloster leben, sondern
hier Ferien machen. Manche kommen als Hospitantinnen,
um Impulse für die Zukunft ihres eigenen Klosters
zu holen. Das Gästebuch quillt über von begeisterten
Einträgen. «Danke für die Gespräche,
ich gehe mit neuer Kraft in den Alltag.» Oder: «Meine
Kinder und mein Mann werden eine fitte und zufriedene
Mutti zurückbekommen.»
Am Abend wandle ich noch ein bisschen im Garten. Es gibt
ja nicht viel anderes zu tun hier, und das ist gut so:
Man versucht also, Vögel am Gesang zu erkennen, man
zupft im Kräutergarten ein Blatt Apfelminze ab und
vergleicht den Duft mit jenem der Zitronenmelisse, man
beobachtet die Goldfische im Seerosenteich, oder man liest.
Zum Beispiel «Der Name der Rose», was irgendwie
perfekt hierher passt. Jedenfalls erinnern mich die vie‘en
lateinischen Sätze im Buch an jenes Zitat von Juvenal,
das von der Wellnessindustrie so gründlich missverstanden
wurde: Mens sana in corpore sano. Der Satz bedeutet keineswegs,
dass ein gesunder Körper automatisch einen gesunden
Geist beherbergt. Juvenal schreibt im Gegenteil, es wäre
darum zu beten, dass in jedem gesunden Körper auch
ein gesunder Geist wohne. Was doch genau den Ansatz dieses
ungewöhnlichen Klosters beschreibt. Daran denke ich
und an vieles mehr, während die Sonne sinkt, und
dann denke ich an gar nichts mehr, weil die Stille mich
ausfüllt, als wäre ich ein leeres Gefäß.
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