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CARPE DIEM
KLOSTER ARENBERG, DEUTSCHLAND

Hier geht’s nicht um Schönheit:
Das Kloster ist eine Beautyfarm
für die Seele - mit oder ohne Gott.


Text: Barbara Klingbacher
Fotos: Sigrid Reinichs


Nutze den Tag: Tautreen, dann Andacht unter Baumkronen


Massagen sind die beliebteste Behandlung in Arenberg.
Wellness im Dominikanerkloster seit 2003 angeboten.


Im Garten wandeln oder...

...den Goldfischen im Teich zusehen: Im Kloster wird die Stille zur Unterhaltung

Alles leere Gefäße: In der Meditation soll man an nichts denken.

Wenn es auf dem Weg zur Erleuchtung Stufen gäbe, säße ich ganz unten im Keller. Dabei ist der Meditationsraum so himmelsnah gelegen wie nur möglich, nämlich im Dachgeschoss. Zu zwölft bilden neun Frauen und drei Männer einen Kreis auf dem rasengrünen Teppich; in der Mitte eine Kerze, eine Schlingpflanze, eine Keramikskulptur aus drei Figuren, die ebenfalls im Kreis sitzen. Ich atme. Ich denke an nichts. Ich bin ein leeres Gefäß, das gefüllt werden soll. Mit Gott.
Also, nicht zwingend mit Gott, obwohl sich diese Veranstaltung «christliche Meditation» nennt. Gott ist nur ein Vorschlag des Meditationsleiters, des Theologen und Psychologen Martin Hofmeir, genauso wie man nicht unbedingt auf «Jesus —Christus» ausatmen muss. Aber man könnte. Schließlich befinden wir uns hier in einem Kloster, und dieses Ritual ist beinahe 2000 Jahre alt. Das «Herzensgebet»,
jeweils von Montag bis Freitag, immer halb fünf bis fünf Uhr.
Wahrscheinlich würde es mir leichter fallen, mich auf das Wort Omm zu konzentrieren, aber: «Wir besinnen uns im Kloster Arenberg auf die Schätze des Christentums», hatte Schwester Andrea tags zuvor gesagt, «wir unterstützen keine asiatischen Ideologien, sondern stellen ihnen unsere christliche entgegen.» An dieses Gespräch denke ich, obwohl ich während der Meditation an nichts denken sollte.
Gestern also hat mich die Schwester im hauseigenen Vitalzentrum so gründlich mit belebendem Orangen-Zitronen Öl durchgeknetet, dass mir hinterher nur noch eine einzige Frage einfällt: Wie kommt es, dass eine Nonne massieren kann? Schwester Andrea erzählt, wie sie vor anderthalb Jahren in dieses Kloster wechselte und durch ihre Arbeit in einem Spital bereits eine Ausbildung in Massage, Physiotherapie und Seelsorge mitbrachte. «Was für ein glücklicher Zufall», sage ich, und sie lächelt breit und gütig und antwortet, dass man es natürlich auch so nennen könne, sie sage dazu lieber «Gottes Fügung».
Schwester Andrea führt mich durch ihr Reich im Untergeschoss des Klosters Arenberg: mehrere Behandlungsräume mit Massageliegen, ein Solarium, Kneippbäder und -tretbecken, ein Massagebrandungsbad, das Crystalbad mit Schall-, Licht- und Magnetfeldtherapie, ein Gymnastikraum mit Fitnessgeräten, wo Wirbelsäulen-Gymnastik und Bauch/Beine/Po-Trainings stattfinden, ein Schwimmbad mit Strömung und Aquafit-Lektionen, eine finnische Großraumsauna samt Garten und Ruhezimmer (und mit getrennten Benutzungszeiten für Frauen, Männer und Ehepaare). Pro Tag behandeln die Schwester und ihre zehn weltlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier unten gegen fünfzig Gäste, am beliebtesten sind die Massagen.
Gern würde man das in eine knackige Formel packen: die Wellness-Nonne im Spa-Kloster etwa. Aber Schwester Andrea verdreht die Augen. Bitte nicht. Weil Wellness meist mit Schönheit und Luxus gleichgesetzt werde. Und genau darum gehe es nicht im Kloster Arenberg. Das einzige kosmetische Angebot sei die Fußpflege, und die sei ja eher medizinisch. Gesichtsbehandlungen, Körperpeelings, Anti-Aging? Erratum. Ins Programm kommen nur Angebote, die nachweislich gesund sind. «Ich könnte leben mit dem Begriff Weliness »‚ sagt Schwester Andrea, «wenn man Weliness nicht nur auf den Körper reduziert, sondern als Einheit von

Geist, Seele und Leib betrachtet. Vielleicht ist genau dies unsere Aufgabe hier auf der Welt: Die Menschen, die sich über den Leib berühren lassen, auch in der Seele zu berühren. »
Es komme häufig vor, sagt Schwester Andrea, dass Gäste während der Massage in Tränen ausbrechen, weil etwas tief in ihnen drin ausgelöst werde. Und das könne man hier auch auffangen. Weil man ja sozusagen eine Kernkompetenz in Seelsorge mitbringe. Jeder Gast kann ein solches Gespräch in Anspruch nehmen. Wenn er dies wünscht. Missioniert wird nämlich nicht: «Wir wollen hier niemanden angeln.»
Zum Schluss des Rundgangs stehen wir im Ruheraum des Vitalzentrums, der geschmückt ist mit orangen Bildern, mit Sand
und Muscheln. «Mein Steckenpferd», sagt Schwester Andrea, «ich habe alles nach Feng Shui ausgerichtet.» Feng Shui als Schatz des Christentums? «Nunja. Ich glaube auch an die chinesische Medizin, und es gibt hier sogar Angebote in Qi Gong und Shiatsu. Wir halten es eben mit Paulus: Alles prüfen und das Gute bewahren.»

Das alles fällt mir ein, während ich im Meditationsraum sitze und versuche, ein leeres Gefliss zu sein. Stattdessen füllt sich mein Geist schon wieder mit neuen Gedanken, ein Gleichnis, das mir eine andere Schwester am Nachmittag im Klostergarten erzählt hatte. «Wenn man im Wald spazieren geht», sagte sie, «und plötz.. lich ein umgefallener Baumstamm den Weg versperrt, gibt es drei Möglichkeiten: Man kann sich ärgern. Man kann sich auf den Baumstamm setzen und den Moment geniessen. Oder man kann sich einen neuen Weg suchen.» Ein schönes Bild für die neuere Geschichte des Klosters Arenberg. Denn am Anfang war die Not. Das Kloster, gegründet Mitte des 19.Jahrhun-derts, war bereits seit 1954 ein Kneippsanatorium, das von den Schwestern betrieben wurde und Jahr für Jahr höhere Verluste schrieb. Das lag einerseits daran, dass die Stammgäste langsam wegstarben und keine neuen den Weg ins mittelrheinische Koblenz fanden. Andererseits wurden die Schwestern immer älter, und der Nachwuchs fehlte. Also musste man immer mehr Personal einstellen, das bezahlt sein wollte. Und zwar nicht einen Mitarbeiter für eine Schwester, sondern eineinhalb Mitarbeiter für eine Schwester - schließlich kannten die Nonnen keinen Feierabend und keine 35-Stunden-Woche. So fragten sich die Arenberger Dominikanerinnen am Generalkapitel im Jahre des Herrn 2001 mit einem richtig schönen Slogan: Zukunft gestalten oder Untergang verwalten? Und beschlossen, in die Zukunft zu investieren.

Zwei Jahre und rund 23 Millionen Franken später eröffnete das erste «Wellness-Kloster» Europas, mit neuem Gästehaus und modernen, schlichten Zimmern, einer Gästekapelle und dem Vitalzentrum.

Beinahe alle der jungen Schwestern sind in das Projekt eingebunden, wobei «jung» hier die Gruppe der unter 70-jährigen Nonnen bezeichnet. Jede bringt ein, was sie am besten kann: Neben der «Wellness— Schwester» Andrea gibt es eine Bibliotheksschwester, eine Hausleitungsschwester, zwei Kräutergartenschwestern, zwei Küchenschwestern, eine Klosterladenschwester, die Seelsorgeschwestern, die Gästebetreuungsschwester, dazu achtzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und das Wunder geschah: Über siebzig Prozent Auslastung hat das Kloster Arenberg heute, eine Zahl, für die viele Wellnesshotels nur beten können. Klosterbetrieb und Gästehaus befruchten sich gegenseitig. Die Gäste dürfen im Klostergarten mithelfen beim Zupfen der Ringeiblumen für Salben oder beim Entstielen des Johanniskrauts. Sie sind willkommen bei den Messen oder Stundengebeten der Schwestern. Sie gehen auf Wanderexerzitien mit Theologe Hofmeir schweigend durch den Wald. Sie können jeden Morgen nach dem Tautreten und einer halben Stunde Walking den «Impulsen in den Tag» lauschen, kurze Andachten unter riesigen Baumkronen. Oder in Spezialwochen «Stress bewältigen», meditative Schreibseminare besuchen, meditativen Tanz erlernen oder meditative Mandala malen, «meditative» «Mandala» «malen » - Meditative — Mandala - malen - meditative ... Mandala
Ein heller Gong holt meinen Geist zurück ins Dachgeschoss. Mir scheint, als seien kaum fünf Minuten vergangen, obwohl ich zu Beginn noch befürchtet hatte, dass ich mich in dieser halben Stunde Meditation fürchterlich langweilen würde. Ein bisschen weltentrückt begegne ich in der Lobby anderen Gästen, die meisten um die fünfzig, aber auch einige Dreißigjährige. Und Nonnen, die nicht in diesem Kloster leben, sondern hier Ferien machen. Manche kommen als Hospitantinnen, um Impulse für die Zukunft ihres eigenen Klosters zu holen. Das Gästebuch quillt über von begeisterten Einträgen. «Danke für die Gespräche, ich gehe mit neuer Kraft in den Alltag.» Oder: «Meine Kinder und mein Mann werden eine fitte und zufriedene Mutti zurückbekommen.»
Am Abend wandle ich noch ein bisschen im Garten. Es gibt ja nicht viel anderes zu tun hier, und das ist gut so: Man versucht also, Vögel am Gesang zu erkennen, man zupft im Kräutergarten ein Blatt Apfelminze ab und vergleicht den Duft mit jenem der Zitronenmelisse, man beobachtet die Goldfische im Seerosenteich, oder man liest. Zum Beispiel «Der Name der Rose», was irgendwie perfekt hierher passt. Jedenfalls erinnern mich die vie‘en lateinischen Sätze im Buch an jenes Zitat von Juvenal, das von der Wellnessindustrie so gründlich missverstanden wurde: Mens sana in corpore sano. Der Satz bedeutet keineswegs, dass ein gesunder Körper automatisch einen gesunden Geist beherbergt. Juvenal schreibt im Gegenteil, es wäre darum zu beten, dass in jedem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne. Was doch genau den Ansatz dieses ungewöhnlichen Klosters beschreibt. Daran denke ich und an vieles mehr, während die Sonne sinkt, und dann denke ich an gar nichts mehr, weil die Stille mich ausfüllt, als wäre ich ein leeres Gefäß.

 

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