"Wer
die Nacht zum Tag macht, muss sich nicht wundern, wenn
er sich später mit Schlafproblemen herumplagt."
Für den Zisterzienserpater Dr. Hermann Josef Roth
liegt ein Teil der Ursachen klar auf der Hand: Rund um
die Uhr kann sich der Mensch heute ablenken und gleichzeitig
aufputschen lassen. 24 Stunden sind Hörfunk und Fernsehen
verfügbar. Die Kinos präsentieren Nachtvorstellungen,
Lokale sind bis in die frühen Morgenstunden geöffnet.
Niemals ist vollkommene Ruhe.
Der Botaniker Pater Roth ist Mitglied der "Forschergruppe
Klostermedizin", die 1999 am medizingeschichtlichen
Institut der Universität Würzburg gegründet
wurde. Dem Arbeitskreis gehören zehn Wissenschaftler
verschiedenster Fachrichtungen an: Altphilologen, Historiker,
Mediziner, Medizinhistoriker, Biologen, Botaniker, Pharmazeuten
und Chemiker. Mit dem vereinten Wissen entsteht etwas
Außergewöhnliches: Alte Klosterhandschriften
werden übersetzt, die dort erwähnten Substanzen
beschrieben, ihre Wirkungen definiert und Mischungen nach
den alten Rezepturen zusammengestellt. "Was wir erforscht
haben, wäre für eine einzelne Fachrichtung gar
nicht möglich gewesen", so Dr. Johannes Mayer,
Medizinhistoriker, Altphilologe und Koordinator der Forschergruppe.
Systematisch werden die Klosterbibliotheken Europas nach
medizinischen Werken durchforstet. Hochblüte der
Klostermedizin war die Zeit zwischen dem Ende des 8. und
dem 13. Jahrhundert. In dieser Epoche hatten die Mönche
sozusagen ein medizinisches Monopol.
Erst
als Medizin ab dem 14. Jahrhundert Lehrfach an den Universitäten
wurde, wurde medizinisches Wissen auch außerhalb
der Klostermauern verbreitet.
Mehr als 100 Pflanzen und ihre Wirkkräfte hat die
Forschergruppe bereits dokumentiert und rund zwei Drittel
der mittelalterlichen Medizinliteratur aus den Klöstern
übersetzt und bearbeitet.
Schlafprobleme waren also durchaus schon ein Thema bei
den mittelalterlichen Mönchen und wurden in der
monastischen Literatur eingehend behandelt. Wenn auch
die Ursachen damals ganz andere waren als heute, sind
die mittelalterlichen Therapien nach wie vor wirkungsvoll
- und weitaus empfehlenswerter als chemische Substanzen,
so Dr. Mayer. "Denn diese haben meist fatale Nebenwirkungen:
Sie narkotisieren, verlängern die Aufwachphase
und machen bei längerer Einnahme abhängig",
sagt er. Der Griff zur chemischen Pille löst also
nur vermeintlich rasch Probleme.
Die Klostermedizin hat hingegen einen ganzheitlichen
Ansatz, auch beim Thema Schlafen. Sie versucht, die
Ursachen der Schlafstörungen an der Wurzel zu packen.
Bereits der heilige Benedikt betonte die Notwendigkeit
aus-reichenden Schlafs. Denn er wusste, dass ein Mönch
nur voll einsatzfähig sein konnte mit ausreichend
Essen und Schlaf. Die Schlafenszeiten richteten sich
nach dem Rhythmus der Natur. Im Sommer schlief man weniger,
hielt aber dafür eine Siesta, im Winter waren die
Schlafenszeiten ausgedehnter.
"Wenn wir uns auch heute mit unserem Schlafverhalten
nicht mehr eindeutig nach den Jahreszeiten richten können,
so enthält der klösterliche Lebensrhythmus
doch sehr viele sinnvolle Elemente, die auch wir uns
zunutze machen können", sagt Pater Roth. Ein
geregelter Tagesablauf gehört dazu, mit festen
Aufsteh-, Essens- und Arbeitszeiten, aber auch notwendigen
Ruhephasen. Denn äußere Ruhe ist Voraussetzung
für innere Ausgeglichenheit und die Vorbereitung
auf den Schlaf. Im Kloster bildet das Abendgebet den
Übergang vom Tag zur Nacht. Außerhalb der
Klostermauern gibt es andere Möglichkeiten.
"Wir sollten uns spätestens eine Stunde vor
dem Zubettgehen auf den Schlaf vorbereiten, den Tag
langsam und leise ausklingen lassen", so Johannes
Mayer. Er empfiehlt tägliche Rituale, um zur Ruhe
zu kommen, etwas Beruhigendes lesen, kontemplative Musik
hören, Meditation, autogenes Training oder auch
Tagebuch schreiben, um die Ereignisse der vergangenen
Stunden sozusagen abzulegen. Auch ein kleiner Spaziergang
vor dem Zubettgehen ist empfehlenswert.
Wer Probleme hat, überhaupt erst einmal einzuschlafen,
dem empfiehlt Dr. Johannes Mayer sportliche Betätigung,
etwa in der Zeit zwischen 17 und 21 Uhr, also nicht
direkt vor dem Schlafengehen. Durch die körperliche
Beanspruchung wird man müde und kann dann den Abend
mit einer Ruhephase ausgleiten lassen.
Gerade, wenn man tagsüber sehr beansprucht ist,
sollte der Abend entspannt zu En
de gehen. Alkohol sollte spätestens zwei bis drei
Stunden vor dem Zubettgehen tabu sein, denn er hilft
vielleicht in der Einsch1af~phase, stört aber das
Durchschlafen. Genauso wie das Rauchen oder schwer verdauliches
und scharf gewürztes Essen. Tees oder alkoholfreie
Getränke sollte man am Abend mit Honig süßen,
denn der hat beruhigende Wirkung.
Sieben Stunden schläft ein gesunder Mensch durchschnittlich
pro Nacht und wacht dabei 25- bis 26-mal kurz auf. Sind
diese Wachphasen kürzer als drei Minuten, kann
man sich am Morgen nicht mehr daran erinnern. Wenn man
aber wirklich nicht mehr weiterschlafen kann, sollte
man zuerst einmal Ruhe bewahren, nicht nervös werden
und sich nicht im Bett wälzen. Lieber etwas Angenehmes
lesen und - nach Empfehlung der alten Klostermedizin
- einen Kräutertee oder pflanzliche Mittel wie
Hopfen, Baldrian und Melisse zu sich nehmen.
Es gibt jedoch auch das umgekehrte Phänomen: Wenn
Menschen über eine längere Phase mehr als
neun Stunden Schlaf benötigen, sollten sie einen
Arzt aufsuchen. Denn dann können organische Probleme
die Ursache sein.
Jeder Mensch, das wussten bereits die mittelalterlichen
Ordensleute, hat täglich zwei Tiefs mit Müdigkeit
und sogar Symptomen einer kleinen Depression. In der
Regel ist dies etwa um 15 Uhr und um 3 Uhr in der Nacht.
Die klösterliche Mittagsruhe trug also der Tiefphase
des Tages Rechnung. Wer es sich erlauben kann, sollte
daher einen kleinen Mittagsschlaf halten.
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